Von Ingenieuren und persönlichen Kühlschränken – ein Interview mit Ministerpräsident Christian Wulff

Am 12. Mai 2009 veröffentlicht von Mareike Zoege

Niedersachsens Staatskanzlei liegt zentral in unserer schönen Landeshauptstadt Hannover, einen Katzensprung von Maschsee und Aegi entfernt. Dort hat Christian Wulff ein geräumiges Büro mit hohen Fenstern, einem großen Schreibtisch und schweren, schwarzen Sesseln, die ordentlich um einen runden Couchtisch gruppiert sind. Seit 2003 arbeitet der 49-Jährige CDU-Politiker hier als Ministerpräsident, also als Chef unserer Landesregierung. Für den IdeenExpo-Blog hat er einige Fragen beantwortet.

Was waren in der Schule Ihre Lieblingsfächer?

Ich mochte vor allem Fächer zum Diskutieren: Deutsch, Gemeinschaftskunde, Geschichte, Erdkunde und Religion. Mathe, Physik und Biologie unterliegen einer bestimmten Systematik, die mich damals nicht immer interessiert hat. Deswegen fand ich diese Fächer nicht ganz so pralle. Aber ich mochte auch Dinge, die mir nicht gut liegen: Musik hat mich immer fasziniert, obwohl ich kein Musikinstrument spielen kann. In den Fremdsprachen war ich nicht ganz so fix, dennoch hatte ich Spaß am Unterricht.

Welche Rolle spielen technische und naturwissenschaftliche Berufe auf dem Arbeitsmarkt?

Es gibt einen großen Mangel an Ingenieuren. Wer sich für Technik, Ingenieurs- oder Naturwissenschaften interessiert und diese Fächer studiert, hat langfristig beste Berufschancen. In Deutschland lebt ein Prozent der Weltbevölkerung. Doch etwa elf Prozent aller Maschinen und Anlagen der ganzen Welt werden hier hergestellt. Wir brauchen gute Techniker und Ingenieure, um diesen Vorsprung zu halten. Vor allem Frauen müssen wir begeistern: Sie machen inzwischen die besseren Abschlüsse und werden in männerdominierten Berufen gebraucht.

Wie können mehr junge Menschen für technische Studienfächer begeistert werden?

Wir müssen Kindern und Jugendlichen so früh wie möglich technische Phänomene ganz praktisch näherbringen. Das geht auch spielerisch: Wer einen nicht zugeknoteten Luftballon loslässt, erlebt, dass er erst durch die Luft fliegt, bevor er auf dem Boden landet – das ist ein klassischer Rückstoß. Sendungen wie Wissensshows oder „Willi will’s wissen“ im Kinderkanal zeigen derartige Versuche, wo es knallt, wo was passiert, und erklären, wie was funktioniert. Junge Menschen begreifen: Da kann ich etwas mit anfangen, da kann ich Probleme lösen. Damit kann man begeistern.

An Gymnasien findet sehr wenig Berufsvorbereitung statt. Viele Schüler haben keine Vorstellungen, was ein Ingenieur im Berufsalltag tut. Mit dem G8 wurde die Zeit für Praktika gestrichen. Fehlen so die Anreize zu technischen Berufen?

Auch beim G8 haben wir die Praxisphasen verstärkt. Beim Zukunftstag können Schülerinnen und Schüler ins Berufsleben schnuppern. In Einrichtungen wie dem XLAB in Göttingen haben Klassen mal eine ganze Woche nur Physik, Chemie oder Biologie. Das schafft einen anderen Zugang zu diesen Wissenschaften, als das im Schulalltag möglich ist, wo die Fächer nur zwei Stunden pro Woche unterrichtet werden. In Klasse 9 und 10 sollen zwei Praxiswochen stattfinden. Praktika bieten zudem Kontakt zu Berufen und Betrieben, wo man sich vielleicht später bewerben kann.

Studiengebühren sind Hürden auf dem Weg in die akademische Ausbildung. Ist das bei steigendem Bedarf an Hochqualifizierten nicht ungünstig?

Die Studentenzahlen in Niedersachsen steigen stärker an als in Bundesländern, in denen es keine Studienbeiträge gibt. Die etwa 80 Euro im Monat Studienbeiträge sind gut angelegtes Geld, weil die Studienbedingungen verbessert werden. Außerdem gibt es die Möglichkeit eines Darlehens, das erst zurückgezahlt werden muss, wenn man Geld verdient. Wir sind davon überzeugt, dass Studiengebühren nicht abschrecken.

Geringqualifizierte haben schlechte Berufschancen. Was tut Ihre Politik, um Haupt- und Realschüler zu fördern?

Wir haben viel für die Hauptschulen getan und damit die Quote der Schulabbrecher in Niedersachsen nahezu halbiert. An Hauptschulen gibt es bis zu 80 Praxistage. In Klasse 8 und 9 werden junge Leute von einzelnen Betreuern begleitet und je nach ihren Interessen auf das Berufsleben vorbereitet.

Die Hauptschule hat leider ein Imageproblem: Hauptschüler fühlen sich abgestempelt. Aber es ist besser, sie arbeiten motiviert ab Klasse 5 in der Hauptschule auf ein Ziel hin, als dass sie in der Realschule oder im Gymnasium durchhinken, frustriert werden und erst dann auf die Hauptschule kommen. Wer Hauptschule, Berufsschule und Meisterprüfung bestanden hat, kann studieren. Es gibt also keine Sackgasse. Mit einem guten Hauptschulzeugnis kann man auf die Realschule wechseln und danach, mit gutem Abschluss, die Oberstufe der Gymnasien besuchen.

Insgesamt kommt es auch darauf an, die Bildungschancen der ganz Kleinen zu verbessern. Wir haben Kinder in Deutschland lange Zeit erst viel zu spät gefördert. Wir brauchen mehr Bildung und Betreuung für Unter-Dreijährige sowie Sprachförderung für Vier- und Fünfjährige. Auch deutsche Kinder haben oft keine zureichenden Sprachkenntnisse. Dabei ist die Sprache der Schlüssel zur Bildung.

Welche technische Neuerfindung würden Sie persönlich sich wünschen?

Zum ersten wäre ich froh, wenn Akkus leichter und haltbarer wären. Zudem müsste es ein Allroundgerät geben: wie Notebook, Handy und Fotoapparat in einem, klein und schmal, und das mit nicht ständig leerem Akku.

Zum zweiten: Wenn ich nachts nach Hause komme und den Kühlschrank öffne, greife ich meistens zu den falschen Sachen. Deswegen sollte automatisch genau das auf den Teller fallen, was gesund für mich ist, zum Beispiel Karotten. Wie bei den Milchkühen, die haben einen Chip um den Hals und bekommen am Futtertrog genau das, was gut für sie ist. Mit einem Kühlschrank, der ein gesundes, langes Leben verspricht, könnte ich durchaus etwas anfangen. Die Küchenhersteller sollten sofort an die Arbeit gehen. Oder Leute bei der IdeenExpo.

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