Von der Schiefertafel zum digitalen Lehrkörper

Am 11. August 2009 veröffentlicht von Mareike Zoege

1903 Laut schrillt die Glocke über den Schulhof. Hilda springt die Stufen zur Eingangstür herauf, ihre Ledertasche auf dem Rücken. Darin ist ihre kleine Schiefertafel verstaut, ihr Griffel in der verbeulten Blechdose und für die Pause zwei Äpfel. Ihre Hausaufgaben hat sie gemacht: Säuberliche Buchstaben füllen die gräulich-grüne Tafel. Der Lehrer kontrolliert. Mit kleinen Schwämmchen und Lappen wischen die Kinder ihre Schiefertafeln sauber, bereit für neue Zeichen und Zahlen.

Bereits in der Antike gab es Schreibtafeln aus Stein, Ton, Wachs oder dem Gestein Schiefer. Die ersten großen Tafeln für Schulhäuser waren aus grün angemaltem Holz, später aus Glas und schließlich aus Stahlemaile. Die letzten kleinen Schiefertafeln der Grundschüler wurden in Deutschland erst in den 70er Jahren endgültig durch Schreibhefte ersetzt. Seitdem hat sich viel getan – die Technik macht auch vor dem Bildungswesen keinen Halt.

1970 Sabines Erdkundelehrerin zieht die Vorhänge zu. Der Diaprojektor summt am Ende des Klassenraums. Vorne auf der weißen Wand erscheint ein Foto einer Gebirgsquelle. Klack klack, nächstes Dia, nächstes Foto: ein schmaler Fluss schlängelt sich durch die Landschaft. So wird der Wasserkreislauf veranschaulicht.

Film-Projektoren, Dia-Shows und Tageslichtprojektoren schafften mehr und mehr Möglichkeiten zur visuellen Darstellung – auch im Unterricht. Und immer neue Medien beeinflussten die Schüler: Radios sind seit den 30ern verbreitet, Fernseher hielten in den 50ern und 60ern Einzug in die Haushalte und nachdem in den 80ern private Computer ihren Durchbruch hatten, begann in den 90ern schließlich das Internetzeitalter.

2009 In der Klasse 4b geht es heute um die Kontinente unserer Erde. „Welche Kontinente kennt ihr?“ Leonie meldet sich, sie war schon einmal in Amerika. Der Lehrer stellt das Whiteboard an und öffnet eine bunte Weltkarte. Anschließend zeigt er Filmausschnitte über verschiedene Landschaften und Kulturen.

Computerräume, Fernseher und DVD-Player, Laptops und Beamer sind heute Standard. Zum neuesten Equipment gehören die sogenannten Whiteboards, sie sind bereits an etwa 1.500 deutschen Schulen installiert. Diese elektronischen Tafeln ähneln einem überdimensionalen Computermonitor. In Wirklichkeit wird das Bild von einem Projektor auf die weiße Fläche geworfen. Das Whiteboard bietet viele Möglichkeiten. Man kann mit den Fingern oder Spezialstiften darauf schreiben. Das Tafelbild kann gespeichert und später fortgesetzt werden. Man kann Fotos, Grafiken und Filme zeigen, Musik abspielen und im Internet surfen. Vorausgesetzt, die Schule hat das nötige Kleingeld zur Verfügung: 2.000 bis 3.000 Euro kostet so ein gutes Stück.

Im Gegensatz zum Whiteboard ist das Internet unter Schülern schon jetzt eine Selbstverständlichkeit. Recherchen für das nächste Referat, Email-Austausch mit der französischen Partnerklasse oder Leidensberichte in Schülerforen: Alles bequem im World Wide Web möglich. Und während manch älterer Lehrer sich der Online-Welt nur mühsam nähert, muss inzwischen manch Schüler an die Vorteile einer echten Bücherei erst streng erinnert werden.

In Sachen digitaler Kommunikation sind die Universitäten schon weiter. Dort werden Bewerbungsformulare selbstverständlich online ausgefüllt, das komplette Vorlesungsverzeichnis ist mit ein paar Klicks auf der Uni-Homepage abzurufen, auch ihre Prüfungsergebnisse können Studenten bequem vom heimischen Rechner aus erfahren. Manche Professoren gehen noch weiter. Ein Informatik-Professor aus Osnabrück entwickelte eine Software, mit der die Studenten seine Vorlesungen per Podcast im Internet herunterladen können. Zwei Kameras filmen ihn im Hörsaal, später werden PowerPoint-Präsentationen in die Aufzeichnungen integriert. Die Skripte sind ebenfalls abrufbar. Haben Studenten in Zukunft also die Wahl zwischen geselligem Campusleben und Schlafanzug-Lernsessions in den privaten vier Wänden?

2009 Nach der intensiven Länderkunde schickt der Lehrer seine Zöglinge der 4b auf den Schulhof. Die Sonne scheint und die Kinder toben herum. Leonie klettert am liebsten in das Baumhaus der alten Kastanie. Schon ihre Urgroßmutter Hilda hat hier die Aussicht genossen.

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