Hörgerät: Neuer Draht zur Welt

Am 11. September 2009 veröffentlicht von Marie Gräber

Sekunde für Sekunde strömen neue Eindrücke auf uns ein. Diese Nervensignale aus Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen werden in unserem Gehirn zusammengesetzt, bis schließlich aus Reizen die Wahrnehmung entsteht. Die fünf Sinne, die erstmals von Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus beschrieben wurden, verbinden den Menschen mit der Außenwelt. Was aber, wenn ein Draht zur Welt nur noch eingeschränkt funktioniert oder sogar ganz wegfällt? Kann Technik die Lösung sein? Peter Albert, Meister für Hörgeräte- Akustik bei KIND Hörgeräte, gab mir im Interview Antworten auf diese und andere Fragen.

Der Mensch registriert seine Umwelt durch die fünf Sinnesorgane. Wie wichtig ist für uns die auditive Wahrnehmung – das „Hören“?

Der Hörsinn ist von allen fünf Sinnen der differenzierteste Sinn. Worte werden deutlich schneller verarbeitet als Bilder. Im Vergleich zum Sehsinn kann das Gehör zwei kurz aufeinanderfolgende Signale relativ gut voneinander unterscheiden, da es im Gegensatz zum Auge keine chemischen Substanzen zerlegen und wieder zusammensetzen muss. In der Zeit, in der ein Bild von unserem Gehirn interpretiert wird, können wir sechs bis acht Wörter verwerten.
Diese Bedeutsamkeit der auditiven Wahrnehmung kann gut anhand eines Zitates von Immanuel Kant verdeutlicht werden: „Nicht sehen können heißt, die Menschen von den Dingen trennen. Nicht hören können heißt, die Menschen von den Menschen trennen.“

Welche Funktionen übernimmt das Gehör?

Das Hörorgan nimmt vielfältige Aufgaben wahr. Es informiert, es alarmiert, es ermöglicht uns Kommunikation und versorgt die anderen Sinnesorgane durch eine Aktivierungsfunktion. Zudem ist unser Gehör mit dem Sehsinn für die Orientierung zuständig. Hinzu kommt eine soziale und emotionale Funktion. Das heißt, was und wie etwas gesagt wird, verarbeitet das Hörorgan.
Inwieweit kann die Lebensqualität eingeschränkt werden, wenn dieser Sinneseindruck beeinträchtigt ist oder sogar wegfällt?
Ist der Hörsinn beeinträchtigt, hat dies erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen. Alle genannten Funktionen sind dann eingeschränkt. Ständiges Nachfragen, weil man etwas nicht verstanden hat, kann dazu führen, dass der Mensch von seinen Mitmenschen nicht mehr ernst genommen wird. Langfristig gesehen, wird er mehr und mehr isoliert. Schwerhörige fühlen sich missverstanden, da sie eine Behinderung haben, die für ihr Umfeld nicht sichtbar ist.

Kann die Technik eines Hörgerätes den natürlichen Gehörsinn ersetzen und seit wann gibt es eigentlich Hörgeräte?

Die moderne Hörgeräte-Technik kommt dem natürlichen Hören sehr nah. Das Hören mit einem Hörsystem muss trainiert werden. Eine Anpassung ist dann erfolgreich, wenn der Kunde das Hörgerät nicht mehr als Fremdkörper empfindet.
Die erste Hörhilfe war das Hörrohr, das im 17. Jahrhundert erfunden wurde. Werner von Siemens erfand 1878 das „Telefonhörgerät“. Das erste Taschengerät auf Transistorbasis, das in etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel war, kam 1952 auf den Markt. In den 1960er Jahren wurden die ersten HdO (Hinter dem Ohr) und IdO (In dem Ohr) Hörsysteme vorgestellt.

Wie kann eine Hörbehinderung festgestellt werden und wie alt sind ihre jüngsten Kunden?

Um eine Hörbehinderung festzustellen, führen wir eine sogenannte Audiometrie durch. Das Wort Audiometrie leitet sich dabei von Audio (lat.: audire = hören) und Metrie (gr. Metria = Messung) ab. Zur kompletten Diagnose ist ein Ton- und Sprachaudiogramm notwendig.
Unsere jüngsten Kunden sind Säuglinge, bei denen im Rahmen des „Neugeborenen Screening“, das seit dem 01.01.2009 verpflichtend ist, eine Auffälligkeit festgestellt wurde. Je früher das Innenohr mit akustischen Reizen stimuliert wird, desto besser für die Entwicklung des Kindes.

Als Meister für Hörgeräte-Akustik haben Sie täglich mit Kunden zu tun, die unterschiedliche Bedürfnisse haben. Worauf achten Sie bei der Auswahl eines Produktes?

Bevor ein Kunde zu uns kommt, hat er vom HNO-Arzt die Diagnose bekommen: „Sie brauchen ein Hörgerät“. Das ruft bei den meisten eine gewisse Abneigung und Skepsis gegenüber dieser Empfehlung hervor. Deshalb führen wir im Rahmen eines Vorgesprächs eine sogenannte Bedarfsanalyse durch. In dieser Phase des Kennenlernens möchten wir das Vertrauen unserer Kunden gewinnen und die Hörbedürfnisse und Gewohnheiten genau kennenlernen. In den anschließenden Terminen realisieren wir eine vergleichende Hörgeräteanpassung, wobei verschiedene Technologien zuhause in gewohnter Umgebung getestet werden. Wichtig ist, dass der Kunde sich mit seinen Hörgeräten wohlfühlt und sie seinen Bedürfnissen entsprechen.

Es wird häufig gesagt, dass man mit zunehmendem Alter immer weniger hören kann. Welche Möglichkeiten gibt es, meinen Gehörsinn vor einer solchen „Abnutzung“ zu schützen?

Die Verschlechterung des Hörsinns mit zunehmendem Alter bezeichnen wir als „Verschleißschwerhörigkeit“. In unserer Zivilisation wird das Gehör seit der Industrialisierung ununterbrochen durch Straßenlärm, U-Bahnen und laute Musik belastet. Einen Schutz vor dieser Abnutzung gibt es nicht, aber man kann einiges tun, um diesen Abnutzungsprozess etwas aufzuhalten. Rockkonzerte und Diskobesuche sind zwar schön, zählen jedoch zum vermeidbaren Lärm. Besonders gefährlich sind jedoch Feuerwerkskörper, die direkt am Ohr explodieren und erhebliche Folgen für den Gehörsinn haben können. Das Gehör kann bei Lärm mit individuellem Gehörschutz von KIND abgeschirmt und so geschützt werden. Es gibt verschiedene Gehörschutztypen für die jeweiligen Lärmbereiche.

Welche Voraussetzungen sind nötig und welchen Ausbildungsweg muss man einschlagen, um Hörgeräteakustiker zu werden?

Die Lehrzeit für den Beruf des Hörgeräteakustikers beträgt drei Jahre. Der Beruf gehört zum Handwerk, wobei die Lehre mit einem Gesellenbrief abgeschlossen wird. Nach einer entsprechenden Gesellenzeit kann dann der Meisterbrief angestrebt werden. Voraussetzung sind eine guter Realschulabschluss, die Freude am Umgang mit Menschen, ein technisches Verständnis und gute Noten in den Fächern Deutsch, Physik und Mathematik.

KIND auf der IdeenExpo:

Wer wissen möchte, wie eine Mittelohrtrommel aussieht oder wie hoch der Geräuschpegel des eigenen MP3-Players ist, sollte unbedingt noch bis zum 13. September beim KIND Stand auf der IdeenExpo vorbeischauen. Viele spannende Exponate rund um das Thema Akustik warten hier auf Euch!

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