Mein Weg als WIng – Paralleluniversum Hörsaal

Am 26. Oktober 2011 veröffentlicht von Michel Kuhlmann

Mein zweites Semester als Wirtschaftsingenieur nähert sich nun dem Ende und die Klausurenphase steht bevor. Besonders als Facebook von abiturbezogenen Statusmeldungen gefüllt wurde oder Freunde, die noch zur Schule gehen, vom „Schulstress“ gesprochen haben, auch zwischendurch: ich denke an die Schulzeit zurück und überlege, was sich so verändert hat – Zeit für einen subjektiven Vergleich:

Ich fange mit ein paar Eckdaten an:
Während das Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) in Springe mit rund 1.800 Schülern das drittgrößte Gymnasium in Niedersachen ist, bewegt sich die Universität Bremen mit über 18.000 Studenten im Mittelfeld der deutschen Unis. Am OHG hatte ich rund 15 verschiedene Fächer im Laufe der Schulzeit, an der Uni studiere ich in einer von fast 50 Fachrichtungen und belege während des Bachelorstudiums über 20 verschiedene Module und Veranstaltungen.

Im OHG bin ich bei Regen fast nie nass geworden, da der Großteil der Trakte in einem Gebäude angesiedelt ist. Auf dem Campus der Uni gibt es eine Vielzahl verschiedener Institute und als „Kombistudent“ habe ich Veranstaltungen sowohl in den Einrichtungen der Wirtschaftswissenschaften als auch in den Einrichtungen der Ingenieurswissenschaften.

Die Abläufe:
Was passiert nun in der Uni, wenn es im OHG zur ersten Stunde klingelt?
In der Uni noch nicht viel, denn ich stehe gerade im Bus, der übrigens meist ziemlich voll ist. Dank des akademischen Viertels ist erst ab 8:15 Uhr Aufpassen angesagt. In der Uni angekommen, kann es passieren, dass ich im großen Hörsaal entweder a) mich zu Freunden setze und wir den Tag locker starten, b) Ausschau nach einem freien Platz halten muss, weil fast alle der 500 Plätze schon besetzt sind oder c) gar nicht weiß, wo ich mich hinsetzen soll, weil fast alle der 500 Plätze frei sind!

Letzteres ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass in fast allen Veranstaltungen der großen Studiengänge keine Anwesenheitspflicht herrscht. Viele Studenten ziehen daher Ausschlafen oder auch Sport  vor und eignen sich das Wissen dann konzentriert in kürzester Zeit vor der Klausur an.
Allerdings besteht Uni nicht nur aus Vorlesung, sondern je nach Veranstaltung auch aus Tutorien und Übungen. Hierbei handelt es sich quasi um offiziell organisierte Nachhilfe im großen Stil. Die Tutoren, meist Studenten höherer Semester, erklären die wesentlichen Aspekte der Vorlesung anhand von nachvollziehbaren Beispielen und so scheint plötzlich sogar das komplexe Matheproblem logisch und machbar 🙂

Alle Termine müssen irgendwie in eine Woche gepackt werden, dafür wird in der Uni der ganze Tag genutzt: mögliche Zeitslots sind Montag bis Freitag zwischen 8:00 und 20:00 Uhr. Ich persönlich habe festgestellt, dass ein Tag in der Uni von 8.00 (eigentlich ja 8:15) bis 16:00 nicht so anstrengend ist, wie ein Schultag mit 8 Stunden bis ca. 15:00 Uhr. Das liegt für mich daran, dass zwischen den Vorlesungen immer wieder eine „große Pause“ liegt, aber auch an den Locations in der Uni: Neben der prämierten Mensa, gibt es eine Cafeteria und diverse Sitzgelegenheiten (drinnen und draußen), sodass kleine Kreativ-/Aktiv-Pausen möglich sind, in denen Kaffee, Tee, Brötchen oder Croissants verköstigt werden und/oder das schnelle Uni wLan genutzt wird! Ein langer Uni-Tag bleibt trotzdem ein langer Tag und kann auch anstrengend sein!

Hörsaal

Hörsaal

Nun zu den Inhalten:
Lehrer und Schüler in der Schule reden miteinander über etwas, die Dozenten in der Uni reden meist nur über etwas und beantworten gestellte Fragen. Der gelobte interaktive Unterricht aus der Schule, wird nun durch Frontalvorträge ersetzt. Mündliche Beiträge haben höchstens noch Einfluss auf den Eindruck bei anderen Kommilitonen und führen ab und zu zur allgemeinen Belustigung (So wurde z.B. neulich gefragt, wie mit dem Windowstaschenrechner umzugehen ist, die Funktionsweise wäre völlig unbekannt! „Wie mit einem normalen Taschenrechner“, entgegnet die Dozentin). Das Lehr-/Lerntempo wird insgesamt vom Dozenten bestimmt. Wer nicht mitkommt, hat in Tutorien, Übungen oder im „Home-Office“ die Gelegenheit den Stoff nachzuholen. Generell ist es sehr ratsam, dies zu tun und bereits während des Semesters Zeit in Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen zu investieren, um nicht am Ende des Semesters Klausuren entgegenzublicken, deren Themen bis dato ein Mysterium sind.

Die Selbstverantwortung auf dem Campus schließt die „Informations-Holschuld“ ein: Klausurtermine und –zeiten werden eventuell in der Vorlesung erwähnt, grundsätzlich sind die Studierenden aber für Anmeldung und Terminkenntnis komplett selbst verantwortlich. Welche Veranstaltungen wann belegt werden müssen, haben die Studierenden der entsprechenden Prüfungsordnung zu entnehmen.

Auch in der Klausurenphase ist Eigeninitiative angesagt! Mit Glück hat der Dozent noch einmal einen Überblick über die relevanten Themen gegeben, ansonsten wird eigenverantwortliches Lernen vorausgesetzt – die Antwort auf die Frage „Was kommt dran?“ bleibt eine angenehme Erinnerung aus der Schulzeit. Da alle in einem Boot sitzen bieten sich je nach Veranstaltung Lerngruppen an, in denen auch abgestimmt wird, was relevant sein könnte. Nicht zu vergessen: Klausuren aus den Vorjahren, die sich irgendwie über ältere Studenten und Studiengangsausschuss organisieren lassen. Doch nicht jede Klausur wird schwarz auf weiß geschrieben. So schreibe ich im zweiten Semester Statistik, Marketing und Projektmanagement im Testcenter – am Computer! Das bedeutet 240 Minuten mit Testmasken, Drag&Drop, Multiple Choice, Excel und Windowstaschenrechner + ein sofort angezeigtes Ergebnis! Willkommen im 21. Jahrhundert

Insgesamt macht es mir viel Spaß zu studieren! Einen vorgeschriebenen Stundenplan gibt es nicht – so kann ich meine eigenen fachlichen Ziele und Interessen im Rahmen des Wing-Studiums verfolgen und zeitlich planen. Durch die Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit entwickle ich mich auch persönlich enorm weiter! Nach wie vor bin ich vollkommen mit meiner Entscheidung zufrieden und freu‘ mich nun auf das erfolgreiche Überstehen (und Bestehen!) der Klausurenphase und den Beginn des dritten Semesters 🙂

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