Berufsaussichten: Als Frau unter Informatikern

Am 1. November 2012 veröffentlicht von Lis Petersen

Polina sieht wie ein ganz normales Mädchen aus: Sie trägt ein Kleid, spielt mit den Haaren und lacht viel. Ihre Nerdbrille ist ein einziger kleiner Hinweis – und ihre Witze. Polina mag Informatik. Als eines der wenigen Mädchen studiert die 23-jährige an der Uni Hannover im 7. Semester und steht kurz vor der Bachelorarbeit. Heute will sie uns ein bisschen was über ihr Studienfach erzählen. Interview mit Polina

Interview mit Polina

Lis: Polina, wenn man dich sieht, denkt man nicht, dass du Informatik studierst. Warum hast du dich dafür entschieden?

Polina: Ursprünglich wollte ich etwas ganz anderes machen. BWL studieren oder Chinesisch. Erst bei der Studienberatung habe ich mich näher mit Informatik auseinander gesetzt und fand es dann am interessantesten. Wahrscheinlich weil es so gegensätzlich zu allem war, was ich vorher angedacht hatte.

L: Und was beinhaltet dein Studium?

P: In den ersten drei Semestern geht es um mathematische Grundlagen, Programmierkenntnisse und Elektrotechnik. Danach kann man Themen vertiefen und sich spezialisieren. Diese Kurse finde ich deutlich interessanter. Außerdem gibt es ein Hardware- und ein Softwareprojekt und natürlich die Bachelorarbeit.

L: Welche Kurse gefallen dir denn am besten?

P: Mein absoluter Lieblingskurs ist theoretische Informatik, auch wenn vielen das zu trocken und abstrakt ist. Da geht es um mathematische Modelle zu grundlegenden Fragestellungen. Sehr viel konkreter ist Security Engineering. Da behandeln wir die Sicherheit von Systemen z.B. bei bösartigen Angriffen. Das gefällt mir auch sehr gut.

L: Ist das Studium so, wie du es dir vorgestellt hast?

P: Es ist auf jeden Fall deutlich zeitintensiver, als ich dachte. Aber nach den ersten  drei Semestern habe ich gemerkt, was ich schon alles geschafft und für mich entdeckt habe. Es ist wirklich nicht so fürchterlich, wie viele denken.

L: Lange Haare, ungepflegt und nicht sehr kommunikativ: Stimmen die Vorurteile gegenüber Informatikern also gar nicht?

P: (Lacht) Doch, es gibt viele Nerds, die tatsächlich jegliche Klischees bedienen,  aber es gibt zum Glück auch genügend atypische Informatiker.

L: Und wie studiert es sich als Frau mit so vielen Männern?

P: Es hat seine Vor- und Nachteile. Als Frau werde ich gelegentlich unterschätzt, auf der anderen Seite falle ich als „einziges“ Mädchen auch positiv auf werde ab und an entgegenkommend behandelt. Und weil wir so eine Minderheit sind, kommt man viel leichter mit anderen Mädchen ins Gespräch. Man sucht den Kontakt stärker, weil es so wenige von uns in der Informatik gibt.

Beim Lernen

Beim Lernen

L: Was für Kenntnisse musstest du fürs Studium mitbringen? Gab es Zulassungsvoraussetzungen?

P: An der Uni Hannover gibt es keine spezifischen Zulassungsvoraussetzung, weil es zu wenige Studierende gibt. Man sollte aber logisches Denken mitbringen. Mathekenntnisse werden in einem Vorkurs „Unikik“ erweitert und während des Studiums weitergeführt. Programmieren muss man nicht können, nur die Programmiersprachen Scheme und Java sind Pflicht. C++ kann man freiwillig dazu wählen.

L: Ein Blick in die Zukunft: Weißt du schon welchen Beruf du später haben willst?

P: Auf keinen Fall der klassische Programmierer! Vielleicht gehe ich in Richtung “Security Engineering”. Aber das kann sich alles noch ändern. Erst mal will ich meinen Master hier in Hannover machen.

 

L: Vielen Dank.

 

Warum Polina zu einer der wenigen Mädchen in ihrem Studiengang gehört, zeigt sich schon in den Leistungskursen vor dem Abitur. In den MINT-Fächern, zu denen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zählen, sind Jungen deutlich in der Überzahl. Und obwohl die Zahl weiblicher Studienanfänger im Fach Informatik stetig steigt, waren es laut Statistischem Bundesamt 2010 rund 22.000, während 112.000 Männer das Studium angefangen haben. Damit ist nur jeder sechste Erstsemester ein Mädchen.

Doch was sind die Gründe dafür? Warum interessieren sich Frauen weniger für technische und naturwissenschaftliche Studiengänge? Der IT-Dienstleister Computacenter AG hat in einer Studie herausgefunden, dass vor allem die weiblichen Vorbilder fehlen. Dadurch halten sich die Klischees des Nerds, der Tag und Nacht vor dem PC hockt – ein Umfeld in dem sich wohl kaum eine Frau wohl fühlen würde. Aufgrund schlechter schulischer Erfahrungen mit Mathematik haben viele Mädchen außerdem nicht genügend Selbstvertrauen, sich an technische Themen heranzuwagen. Durch diesen eingeschränkten Blick auf die Informatik sind die vielfachen beruflichen Möglichkeiten nach einer Ausbildung oder einem Studium kaum bekannt.

Dabei zeigen junge Frauen wie Polina, dass Informatik facettenreich ist und Spaß machen kann. Außerdem sehen die Berufsaussichten in diesem Bereich wegen des Fachkräftemangels besser denn je aus – gerade für Frauen. Informiert euch! Und traut euch!

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