Wie entsteht ein Kreuzfahrtschiff auf der Meyer Werft?

Am 3. Juni 2015 veröffentlicht von Florian Feimann

Nicht unweit meines Zuhauses entstehen auf der Meyer Werft in Papenburg seit fast 30 Jahren Kreuzfahrtschiffe. Seit 1986 mit der „Homeric“ der erste Ozeanriese Papenburg verlassen hat, hat sich in der Industrie viel getan und mittlerweile sind die Luxusliner schwim­men­de Städte mit Freizeitparks. Die Werft denkt sich gemeinsam mit den Reedereien immer wieder spannende Innovationen aus.

0004_Contentbild4Das macht auch den Entwicklungs- und Planungsaufwand immer grö­ßer. Rund drei Jahre dauert es von der Vertrags­unter­zeichnung bis zur Ablieferung des Schiffes. Die Zeit teilt sich auf in eineinhalb Jahre Ent­wicklungszeit und noch einmal die gleiche Zeit zum Bau. Der Bau von Kreuzfahrtschiffen ist so komplex, dass es weltweit nur eine handvoll Werften gibt, die überhaupt Schiffe dieser Art bauen können. Dazu gehört auch eine Werft im südfinnischen Turku, die die Meyer Werft im letzten Jahr übernommen hat. Die Neptun Werft in Rostock/Warnemünde ist der dritte Standort der Firmengruppe. Diese Komplexität macht sich vor allem bei den Zulieferbetrieben bemerk­bar. Etwa drei Viertel der Wertschöpfung beim Bau eines Kreuz­fahrt­schiffes – Preis etwa 800 Millionen Euro – kommt von Lieferanten der Werft. Deshalb arbeiten auf der Meyer Werft neben den über 3100 eigenen Mitarbeitern auch nochmals etwa die gleich Zahl an An­ge­stellten von Zulieferern.

Die Kreuzfahrtschiffe entstehen auf der Meyer Werft nach dem so­ge­nannten Blockbau-Prinzip oder auch Lego-Prinzip. Den Anfang bilden natürlich Stahlplatten, die zu maximal 30×30 Meter großen Platten verschweißt werden. Auf diese Platten werden anschließend Profile aufgeschweißt und nun sprechen die Werftarbeiter von Paneelen. Dann kommen die Wände dazu und Rohrleitungen, Kabelkanäle und Klimaschächte werden installiert. Die Paneele sind so zur Sektion geworden, die nun ein deckshohes Bauteil ergeben. Die Sektionen entstehen auf dem Kopf, damit die Werftarbeiter nicht über ihren Köpfen arbeiten müssen.

8 bis 12 solcher Sektionen ergeben später einen Block, die in den beiden großen Baudockhallen der Meyer Werft entstehen und bis zu 800 Tonnen schwer sein können. Ungefähr 70 solche Blöcke ergeben letztlich ein großes Kreuzfahrtschiff. Die Blöcke werden dann neben dem eigentlichen Dockbereich, in dem das Schiff zusammengesetzt wird, weiter ausgebaut und auch schon lackiert. Sobald ein Block fertiggestellt ist, wird er mithilfe eines 800-Tonnen-Krans in den Dockbereich gehoben. Knapp ein Jahr dauert es bis alle Blöcke zusammengebaut sind und der Innenausbau abgeschlossen ist.

0003_Contentbild3Nach diesem Prinzip baut die Meyer Werft in ihrem Baudock II, das das größte überdachte Schiffsbaudock der Welt ist, parallel an zwei großen Kreuzfahrtschiffen. Im hinteren Bereich der Halle liegt ein Schiff in voller Länge im Bau, während direkt hinter dem Hallentor noch Platz genug ist, um 120 Meter eines anderen Schiffs zu bauen. Dort entstehen nacheinander zwei sogenannte Schwimmteile. Zuerst setzt man die Blöcke zum hinteren Mittschiff zusammen, wo auch die Motoren untergebracht sind. Innerhalb weniger Monate wird so das erste Drittel des Schiffes gefertigt. Anschließend wird dieses Bauteil in den Werfthafen ausgedockt und im freigewordenen Dockbereich entsteht in gleicher Art und Weise das vordere Mittschiff, wieder in etwa 120 Meter Länge.

In der Zwischenzeit ist das hinten liegende Schiff fertiggestellt worden und wird nun auch in den Werfthafen ausgedockt. Die beiden Schwim­mteile kommen danach zurück in die Halle, dieses Mal jedoch in den freigewordenen hinteren Bereich des Docks. Dort werden sie ver­schweißt und in Blockbauweise werden noch Bug und Heck des Schiffes ergänzt. Währenddessen starten die Arbeiten am wiederum nächsten Schiff.

Parallel startet auch der Innenausbau. Die Kabinen kommen schlüs­selfertig auf das Werftgelände. Die entstehen bei Ems PreCab nicht unweit der Werft am Fließband. Die knapp über 2000 Kabinen für jedes Schiff werden dort zusammengesetzt, mit einem Bad aus­ge­stattet und mit allen Möbeln ausgerüstet. Anschließend müssen sie nur noch mit dem Kran an Bord auf das richtige Deck und ins Schiffsinnere gebracht werden, wo sie dann am richtigen Platz montiert werden.

Neben den Kabinen kommt auch alles das an Bord, was das Schiff zu einer schwimmenden Stadt macht. Dazu gehören Bars und Res­tau­rants, Theater mit Platz für mehrere hundert Passagiere, Discotheken und vieles mehr. Jede Reederei lässt sich zusammen mit der Meyer Werft immer wieder raffinierte Dinge einfallen, um die Passagiere zu unterhalten. AIDA hat auf ein Schiff eine Brauerei einbauen lassen, in der jede Woche 1000 Liter Bier aus Meerwasser gebraut werden, die amerikanische Reederei Celebrity Cruises hat eine riesengroße echte Rasenfläche und Solaranlagen auf den Oberdecks verschiedener Schiffe bekommen. An Bord der Schiffe von Disney Cruise Line finden sich gar Wasserrutschen mit 250 Metern Länge.

0001_Contentbild1Die verrücktesten Dinge finden sich auf der „Quantum of the Seas“ und ihrem Schwesterschiff „Anthem of the Seas“ für die US-Reederei Royal Caribbean International, die die Werft im Herbst 2014 und im Frühling 2015 abgeliefert hat. Die beiden 348 Meter langen Kreuz­fahrt­schiffe warten mit einem Surfing-Simulator und einem Fall­schirm­sprung-Simulator auf. Zusätzlich gibt es den Mehrzweckbereich „SeaPlex“, in dem man Rollschuhe und Autoscooter fahren kann und für Zirkusbegeisterte gibt es sogar eine Artistenschule an Bord. Auch Roboter arbeiten auf den Schiffen: In der „Bionic Bar“ mixen sie automatisch Cocktails, die Gäste mit ihrem Smartphone und der App der Reederei bestellt haben. Auch dem Oberdeck befindet sich eine weitere Weltneuheit auf den sieben Weltmeeren: die Aussichtsgondel „North Star“ bringt die Passagiere auf eine höhe von 92 Metern über dem Meeresspiegel und erlaubt einen Panoramablick über die See. Insgesamt können diese Schiffe rund 4200 Passagiere aufnehmen, die von rund 1600 Besatzungsmitgliedern umsorgt werden.

0002_Contentbild2Zurück in die Werfthallen: Etwa ein Jahr nach der Kiellegung unter­nimmt ein Kreuzfahrtschiff aus Papenburg die erste Fahrt von der Werft Richtung Nordsee. Diese Emsüberführung dauert etwa 12 Stunden und führt durch mehrere Brücken und Bauwerke. Teilweise sind nur wenige Zentimeter Platz zwischen dem Schiff und den Nadelöhren. Deshalb wird jede Überführung vorher im Simulator trainiert. Bevor das Kreuzfahrtschiff abgeliefert wird, muss es noch verschiedensten Tests bei Probefahrten über sich ergehen lassen. Dazu gehören Sicherheitschecks und technische Erprobungen. Mit einer kleinen Feier wird schließlich bei der Übergabe die Flagge der Werft eingeholt und die der Reederei gehisst. Damit ist das Schiff fertiggestellt und geht fortan auf Kreuzfahrt.

Zu tun haben die Mitarbeiter der Meyer Werft noch genug. In den Büchern stehen noch neun Kreuzfahrtschiffe, die in den nächsten fünf Jahren aus Papenburg an unterschiedliche Kunden aus aller Welt abgeliefert werden sollen.

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