Watson – wir haben (k)ein Problem!

Am 1. Juni 2017 veröffentlicht von Florian Feimann

Wie Sherlock der Wissenschaft seiner Zeit voraus war

Sherlock Holmes ist bekannt als genialer Roman-Detektiv, der mit seiner Logik und wissenschaftlichen Methoden imstande ist, jedes noch so verworrene Rätsel zu lösen. Dabei greift er auf die „Wissenschaft der Deduktion“, wie es in den Geschichten heißt, und forensische Methoden zurück. Die Wissenschaft der Deduktion“ wendet Holmes an, um aus mehreren Tatsachen und Spuren am Tatort Rückschlüsse auf den Tathergang un den Täter zu ziehen. Viele dieser Methoden werden nur von Holmes selbst angewandt und nicht von den Polizisten, mit denen er zusammenarbeitet. Und tatsächlich war Sherlock Holmes seiner Zeit kriminalwissenschaftlich weit voraus.

In der BBC-Serie “Sherlock”, die in der Gegenwart spielen, wirken Holmes’ wissenschaftliche Methoden kaum noch verblüffend. So untersucht Holmes mit einer Reitgerte, ob Hämatome noch nach dem Tod auftreten können. Obduktionen, bei denen die Todesursache genauer untersucht wird, sind in der modernen Gerichtsmedizin allgegenwärtig. Holmes führt seine Untersuchungen nur auf seine ganz spezielle Art durch.

Im Trailer zur ersten Staffel von Sherlock bekommt man einen guten Eindruck von Holmes eigenartigen Vorgehen:

Aber schon in den Original-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle kommen Techniken zum Einsatz, die in der damaligen Polizeiarbeit undenkbar gewesen sein müssen. In dem Fall „Eine Studie in Scharlachrot“ beispielsweise entwickelt er eine Methode, um Blutspuren auch in kleinsten Mengen zu erkennen. Hier setzt Holmes seine Kenntnisse in der Chemie ein. Mittels mehrerer Substanzen kann er das Blut, das in einem Behälter mit Wasser bis zur Unkenntlichkeit verdünnt worden ist, wieder sichtbar machen. Fortan kann er also Blutspuren nachweisen, die das menschliche Auge nicht erkennen kann. Holmes selbst sieht in dieser Entdeckung einen Durchbruch für die Kriminalistik.

Holmes Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass er mehr Erkenntnisse aus den vorhandenen Spuren ziehen kann als Scotland Yard. Das macht er zum Beispiel mit Handschriften. An der Art und Weise, wie eine Handschrift aussieht, erkennt er, ob eine Person zum Beispiel besorgt ist, wie im Fall „Der vermisste Rugbyspieler“. Auch Fußabdrücke spielen in vielen Fällen eine wichtige Rolle als Beweismittel. Sherlock erkennt daran regelmäßig Körpergröße und Gewicht des Täters und verblüfft die Detektive von Scotland Yard.

Auch das Entschlüsseln von Nachrichten und Codes gehört zu den Techniken von Sherlock Holmes. Im Fall „Die tanzenden Männchen“ kann er eine 160 Zeichen lange Nachricht mit einer Abfolge von Strichmännchen entschlüsseln, weil er weiß, dass der Buchstabe „e“ in der englischen Sprache am häufigsten vorkommt und somit das meist gemalte Strichmännchen für diesen Buchstaben stehen muss. Im Fall mit dem Titel „Das Geheimnis der Gloria Scott“ kann Holmes eine auf den ersten Blick sinnlose Nachricht entschlüsseln, in dem er ein Muster erkennt und nur jedes dritte Wort liest. Dechiffrierung wurde später vor allem im zweiten Weltkrieg benutzt, um feindliche Nachrichten zu entschlüsseln. Die größten Erfolge erzielten dabei ebenfalls die Briten rund um Alan Turing, die die deutsche Enigma-Maschine dechiffrieren konnten.

Sherlock Holmes ist mit vielen seiner Methoden der Zeit, in der seine Fälle spielen, weit voraus gewesen. In dem 1890 erstmals veröffentlichte Roman „Im Zeichen der Vier“ verwendet Holmes Fingerabdrücke als Beweismittel. Scotland Yard selbst hat diese Technik erst elf Jahre nach der Veröffentlichung der Geschichte tatsächlich angewendet. Heute sind Fingerabdrücke ein grundlegendes Beweismittel, oft gespeichert in riesigen Datenbänken.

Auch in dem Fall „Das Zeichen der Vier“ benutzt Holmes eine Methode zur Spurensuche, die bei der Polizei rund um Inspector Lestrade auf Verwunderung trifft: Er setzt einen Spürhund ein, um einen Täter zu verfolgen.

Häufig ist bei Sherlock Holmes die Rede von der „Wissenschaft der Deduktion“. In den Geschichten ist damit gemeint, logische Schlüsse aus Beobachtungen zu ziehen. Streng genommen ist die Deduktion allerdings nichts Weiteres als eine wissenschaftliche Technik zur Anwendung formaler Logik. Bei der Deduktion zieht man Schlüsse aus Annahmen, die für wahr gehalten werden. Zum Beispiel:

1. Annahme: Sherlock Holmes ist ein Detektiv.
2. Annahme: Alle Detektive sind Menschen.

Daraus lässt sich nun deduzieren, dass Sherlock Holmes ein Mensch ist. Deduktion funktioniert aber nur, wenn alle Annahmen wahr sind.

Ziemlich oft zieht Sherlock Holmes seine Rückschlüsse aber mit der Technik der Induktion. Dabei sammelt man so viele „Beweisstücke“, die als Gesamtbild nur einen bestimmten Hergang der Tat zulassen. Das macht Sherlock beispielsweise in dem Fall „Abbey Grange“. In dieser Geschichte geben Zeugen an, dass eine Gruppe Einbrecher in das Anwesen „Abbey Grange“ eingedrungen, dabei vom Hausherren ertappt worden wäre und diesen anschließend mit einem Schürhaken erschlagen hätte. Holmes findet im Zuge seiner Ermittlungen eine Reihe von Spuren, dass der Tathergang so wie beschrieben nicht stattgefunden haben kann. Holmes findet beispielsweise Blutspuren auf einem Stuhl, auf dem die Hausherrin laut ihrer eigenen Aussage gesessen haben will, als die vermeintlichen Einbrecher ihren Mann erschlagen haben. Das kann natürlich nicht passieren, wenn die Frau wirklich auf dem Stuhl gesessen hätte. Zudem bemerkt Holmes, dass es vor dem Fenster, durch das eingebrochen worden sein soll, keine Fußspuren der Einbrecher zu finden sind. Dadurch kommt er im Gegensatz zu Scotland Yard den lügenden Zeugen auf die Schliche. Somit ist klar, dass die Zeugen lügen. Wie sich später herausstellt, wollten die Zeugen den wahren Täter schützen und die Schuld bekannten Einbrechern in die Schuhe schieben.

Manche von Holmes Methoden wirken auch aus heutiger Sicht noch erstaunlich und gerade sein scheinbar unendliches Allgemeinwissen, das ihm immer wieder hilft, Spuren einzuordnen, ist beeindruckend. Andere sind zum Standard für Polizisten und Kriminologen geworden. Holmes kann es dennoch auch in der Gegenwart gelingen, andere Ermittler alt aussehen zu lassen, wie die BBC-Serie “Sherlock” zeigt. Und schon bald gibt es neue Folgen: Die zwei ersten der drei neuesten mit Spannung erwarteten Fälle des modernen Sherlock Holmes werden am Pfingstsonntag und Pfingstmontag (jeweils um 21.45 Uhr im Ersten) erstmalig in Deutschland ausgestrahlt.

(c) Beitragsbild: pixabay.com

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