Interdimensionaler Humor

Am 31. Juli 2017 veröffentlicht von Erwin Völkening

Vor einigen Jahren bin ich in jugendlichem Leichtsinn auf ein baufälliges Gebäude geklettert (das ich jetzt nicht näher benennen möchte) und wurde dort im dritten Stock von einem Graffiti-Schriftzug mit den Worten „Erwin, warum tust du mir so weh – gezeichnet Tabea“ begrüßt. Weder kenne ich eine Tabea noch hatte ich irgendjemandem wehgetan – es ging also offensichtlich nicht um mich. Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, warum ich diesen Schriftzug dort entdeckt habe. Da mein Name nicht besonders häufig ist, war es schon ein verrückter Zufall, dass ausgerechnet ich dort meinen Namen lesen konnte.

Solche Dinge passieren ständig: Mal wird man genau zu dem Zeitpunkt von jemandem angerufen, in dem man gerade selbst die Nummer des Anrufers wählt, mal springt die Ampel genau in dem Moment auf grün in dem man „Jetzt wird sie grün“ sagt und manchmal entdeckt man eben plötzlich seinen eigenen Namen an einem unerwarteten Ort. Und doch neigen wir Menschen dazu, derartigen Zufällen eine Bedeutung zuzuschreiben. Entweder bezeichnen wir es als Schicksal oder wir sehen darin ein „Zeichen“ oder wir finden es einfach lustig.

Humor entspringt, vereinfacht gesprochen, aus der Eigentümlichkeit einer Situation, in der eine Erwartungshaltung von einer viel einfacheren Lösung überrascht wird. Je absurder das Resultat ist, desto witziger ist das Geschehene. Im oben genannten Beispiel bestand meine Erwartungshaltung darin, eine weitere bröckelnde Etage des Gebäudes zu entdecken. Die überraschende Wendung der Situation war dann die, dass dort stattdessen eine scheinbar an mich adressierte Botschaft zu finden war.

Was aber, wenn man derartige Situationen bewusst herbeiführt? Wenn man beispielsweise ein Flugzeug mietet, ein Banner mit der Aufschrift „Schicker Pyjama, Sebastian!“ daran befestigt und hofft, dass jemand namens Sebastian genau in dem Moment aus dem Fenster schaut und das Banner liest, in dem er gerade einen albernen Pyjama trägt. Das Problem an diesem Beispiel ist leider, dass das Ganze zwar ganz witzig wäre, aber schon einen sehr großen Zufall erfordert, um in irgendeiner Form Sinn zu ergeben. Oder?

Nicht unbedingt! Denn, wie so häufig, hat die Wissenschaft auch hier noch ein Wörtchen mitzureden: Eine Interpretation der Quantenmechanik – die Viele-Welten-Theorie – besagt, dass sich das Universum bei jeder „Entscheidung“ in mehrere Universen aufspaltet: In dem einen Universum stirbt Schrödingers Katze, im anderen nicht. In einem Universum wird die Ampel sofort grün, im anderen etwas später. Und in einem Universum schaut Sebastian im Häschenpyjama aus dem Fenster und kommt sich beim Lesen des Banners ziemlich veralbert vor und im anderen eben nicht.

Natürlich gibt es für jeden dieser Fälle nicht nur ein einziges Universum, sondern es gibt etliche, die jede kleinste mögliche Veränderung seit der vorherigen Mutation repräsentieren. Das bedeutet, unser Universum spaltet sich permanent in jeden möglichen Ausgang einer Situation auf. Sollte das Universum also tatsächlich nicht deterministisch sein und sollte die Viele-Welten-Interpretation zutreffen, eröffnet sich ein völlig neues Feld für Streiche und Scherze: der interdimensionale Humor.

Seltsam spezifische Botschaften an verrückten Orten hinterlassen, Internet-Inserate veröffentlichen, die sich auf humorvolle Weise mit einer sehr, sehr spezifischen Situation beschäftigen oder in genau dem Moment einen Artikel über interdimensionalen Humor im IdeenFinderBlog veröffentlichen, in dem jemand auf Grund eines verrückten Zufalls nach so etwas googelt. All das wäre möglich und würde mit beinahe absoluter Sicherheit in unzähligen möglichen Universen ganz schön lustig sein. Leider würde man, auch wenn die Viele-Welten-Theorie zutrifft, nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit in exakt dem Universum sein, in dem man den Pay-off des Witzes mitkriegt. Aber gleichzeitig könnte man sich sicher sein, dass sich das Äquivalent der eigenen Person in einer anderen Parallelwelt darüber amüsieren kann.

Also: Wir wissen zwar nicht, ob die Viele-Welten-Theorie stimmt. Aber just in case … Hängt doch vielleicht ab und zu mal einen Zettel in einen Baum und schreibt so etwas wie „Hallo Frank“ darauf. Frank aus der Dimension nebenan wird mit Sicherheit ziemlich verwirrt sein …
In diesem Sinne: Schicker Pyjama, Sebastian!

 

(c) Beitragsbild: pixabay.com

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