Im Auge des Sturms – Ich habe einen Hurrikan erlebt

Am 27. Oktober 2017 veröffentlicht von Erwin Völkening

Am 30. August dieses Jahres bin ich zusammen mit einem Kommilitonen nach Havanna geflogen. Die Hauptstadt der Karibikinsel Kuba liegt im Nordwesten des Landes und ist bekannt für ihr tropisches Klima, für Rum, Zigarren und elegante Autos. Von Juni bis November in dieser Weltregion allerdings Hurrikan-Saison, was uns aber natürlich nicht davon abgehalten hat, in den Flieger zu steigen.
Die erste Woche unseres Urlaubs war auch alles in Ordnung. Tag für Tag haben wir uns von unserer privaten Unterkunft in der Altstadt Havannas aufgemacht, um Land und Leute kennenzulernen, die Stadt zu erkunden oder kubanische Köstlichkeiten auszuprobieren.

Am 5. September, also wenige Tage nach unserer Ankunft in Havanna, erhielten wir dann von Zuhause die Nachricht, dass Hurrikan Irma – ein Hurrikan der höchsten Stufe (Stufe 5) auf der Saffir-Simpson Hurrikan Wind Skala, die ab Windgeschwindigkeiten von über 252 km/h erreicht wird – über dem Atlantik wütet und Kurs in Richtung Kuba einschlägt. Tatsächlich war Irma der stärkste Hurrikan seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Er war über dem offenen Atlantik entstanden, hat dann Fahrt aufgenommen und mit Windgeschwindigkeiten von knapp 300 km/h neue Rekorde aufgestellt.
Voraussetzung für einen Hurrikan ist nämlich unter anderem ein Tiefdruckgebiet, das den Kern des Sturms bildet. Grob gesagt entstehen Hurrikans dadurch, dass über dem sehr warmen Meer ein gleichmäßiger Temperaturabfall vom Boden bis in höhere Luftschichten herrscht, sodass Wasser in großen Mengen verdunstet und aufsteigt. Dadurch entsteht über diesem Tiefdruckgebiet in niedrigen Lagen ein Hochdruckgebiet, das gemeinsam mit der Coriolis-Kraft zur charakteristischen Wirbelbildung führt. Die Coriolis-Kraft – eine sogenannte Scheinkraft die durch die Rotation der Erde entsteht – bestimmt dabei die Drehrichtung des Sturms. Auf der Südhalbkugel drehen sich Hurrikans im Uhrzeigersinn und auf der Nordhalbkugel andersherum. „Unser“ Sturm hat sich also gegen den Uhrzeigersinn gedreht.

Wir haben uns also daran gemacht, ein paar Vorbereitungen zu treffen. Um Hamsterkäufen zuvorzukommen, haben wir uns noch am gleichen Tag mit Kerzen, Konserven und 36 Litern Trinkwasser eingedeckt. So gerüstet hieß es abwarten und die Nachrichtenlage beobachten.

Als wir am nächsten Tag eine Gelegenheit hatten, uns ins Internet einzuloggen, konnten wir bereits von den ersten schweren Auswirkungen des Sturms lesen. Auf den Karibikinseln St. Martin und Barbuda zerstörte der Hurrikan über 90 Prozent aller Gebäude und richtete Sachschäden in dreistelliger Millionenhöhe an, zudem gab es erste Todesopfer.
Ob Kuba tatsächlich vom Sturm getroffen werden würde, war zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Immer wieder wurden die Vorhersagen für den Verlauf des Hurrikans angepasst, da sich die unzähligen verschiedenen Variablen, mit denen die zur Vorhersage eingesetzten Computerprogramme gefüttert werden, immer wieder ändern und das grundsätzlich sehr schwer vorherzusagende Wetter ohnehin einer gewissen statistischen Unsicherheit unterworfen ist . Insgesamt war die Lage auf der Insel aber noch sehr entspannt und auch wir haben erst einmal – im Wissen, bereits vorgesorgt zu haben – weiterhin unseren Urlaub genossen.

Zwei Tage später, am 7. September, wurde dann klar, dass Irma auch Kuba in treffen würde. Abends trafen wir in einem Restaurant deutsche Touristen, die uns erzählten, dass sie kurzfristig im Rahmen einer groß angelegten Evakuierung von den kleinen Inseln vor der Nordost-Küste Kubas nach Havanna gebracht worden seien, da jene Inseln zum einen näher am Zentrum des Sturms liegen würden und aufgrund ihrer exponiert Lage im Ozean Wind und Wellen besonders ausgesetzt sind. Außerdem stellten wir fest, dass der Hurrikan auch unter den Einheimischen immer mehr zu einem Thema wurde. Die Schlangen vor den Lebensmittelläden versprachen inzwischen Wartezeiten von mehreren Stunden.

Am nächsten Tag war es dann soweit: Hurrikan Irma erreichte Kuba und zog entlang der Nordküste in unsere Richtung. Auf seinem Weg über das kubanische Festland zerstörte der Sturm Gebäude und Infrastruktur, schwächte sich glücklicherweise aber auch langsam ein wenig ab. Währenddessen gingen wir in Havanna ein letztes Mal durch die Straßen, um zu sehen, wie sich die Bewohner vorbereiteten. Alle Geschäfte und Restaurants waren verschlossen und mit Gittern oder Brettern gesichert. Die Straßen wurden von Schutt und Müll geräumt, immer wieder wehten erste heftige Orkanböen durch die Straßen.
Gegen Abend wurde der Sturm dann immer stärker und auch wir blieben ab Sonnenuntergang zuhause. Es begann heftig zu regnen und in einer App, die ich auf meinem Handy installiert habe, konnte ich sehen, dass der Luftdruck rapide immer weiter abfiel.

Gegen 21 Uhr haben wir uns an die Haustür gestellt, um einen Blick hinauszuwerfen. Uns bot sich ein Bild aus umherfliegenden Gegenständen, Mauerbrocken, die von den Gebäuden gefallen waren und auf plötzlich blitzende Stromleitungen über uns. Auf einmal begannen alle Leute, die sich noch auf der Straße aufhielten, schreiend in unsere Richtung zu rennen. Einigermaßen panisch schlossen wir schnell die Tür und wurden für unsere Reaktion prompt von unserer älteren Nachbarin ausgelacht. Aber man warnte uns auch, dass umgewehte Stromleitungen eine der größten Gefahren bei einem Hurrikan in der Stadt darstellen. Das erklärte auch die Reaktion der flüchtenden Menschen auf der Straße. Wir mussten also bei unserer Beobachtung des Sturms aufpassen, nicht mit irgendeiner Hochspannungsleitung in Kontakt zu kommen..
Als wir einige Zeit lang wieder drinnen saßen und Stadt-Land-Fluss spielten, wurde es plötzlich dunkel. Sehr dunkel. Und still. Der Kühlschrank, das Licht und die Klimaanlage fielen aus. Der Strom war weg. Von einer Sekunde auf die andere.
Zum Glück hatte ich einen Akku-betriebenen Mini-Videoprojektor dabei. Damit konnten wir zumindest drei Stunden lang das blaue „Kein Signal“-Bild an die Decke projizieren, was eine ausreichende Beleuchtung darstellte. Unsere Handys versetzten wir in den Ultra-Energiesparmodus. Es war unklar, wann wir wieder Strom kriegen würden. Immerhin waren wir in der Lage, über Bluetooth-Lautsprecher weiterhin Musik zu hören. Und viel mehr als das kann man inmitten eines Hurrikans ohne Strom und ohne Licht nicht machen.

Immer mal wieder sind wir zur Haustür gegangen und haben uns gemeinsam mit unseren Nachbarn das Getöse auf der Straße angeguckt. Es war schon ein besonderer Anblick, zu sehen, wie brachiale Winde durch eine komplett dunkle Stadt ziehen, einzig beleuchtet von gelegentlich aufzuckenden Taschenlampen in der Ferne.
Als schließlich der Luftdruck laut meiner App wieder zu steigen begann, was darauf hinwies, dass der Sturm sich langsam wieder von uns entfernte, entschieden wir, dass wir uns endlich schlafen legen könnten, ohne einen Zusammensturz des Hauses über uns befürchten zu müssen.

Völlig erschöpft von den Strapazen dieser Nacht machten wir uns dann am Morgen des nächsten Tages auf ins Zentrum von Havanna, um uns das Ausmaß der Zerstörung anzusehen. Außerdem wollten wir, wenn möglich, einen aktiven WLAN-Hotspot finden, um unseren Familien und unseren Freunden zu kontaktieren. Und wir wollten natürlich die Nachrichten lesen. In unserer kleinen Wohnung hatten wir nach wie vor keinen Strom, weshalb unsere einzige Beleuchtung im fensterlosen Badezimmer aus einer Kerze bestand.

Draußen in der Stadt waren die Auswirkungen des Sturms nicht zu übersehen. Schutt und Geröll lagen auf den Straßen und überall säumten entwurzelte Bäume und abgebrochene Äste den Weg. Die Absperrung einer Baustelle vor dem Capitol, dem einstigen Regierungssitz, war komplett über die Straße geweht.
Im Zentrum mussten wir feststellen, dass zwar die großen Hotels (die einzigen Gebäude in unserer Umgebung mit ausreichender Notstromversorgung) noch Strom hatten, aber weder das Internet funktionierte, noch Bargeld verfügbar war. Immer noch waren sämtliche Lokalitäten geschlossen und als wir uns in Richtung Küste aufmachten, zeigte sich auch sehr schnell der Grund für die fortdauernde Stromabschaltung: Elf Meter hohe Wellen hatten die Stadt in der Nacht mindestens fünf Häuserblocks weit ins Landesinnere überschwemmt. Sowieso wurde die Küste noch deutlich härter vom Sturm getroffen, als die etwa zwei Kilometer davon entfernte Altstadt, wo wir gewohnt haben.

Bäume und Laternenpfähle waren wie Streichhölzer abgeknickt, einen Baukran hatte die Wucht des Sturms komplett abgebrochen. Auf den überfluteten Straßen fuhren die Menschen teilweise mit Schlauchbooten umher, um ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Der Durchgang zur Küste selbst wurde von Polizisten aus Sicherheitsgründen versperrt. Nach einigem Suchen gelang es mir aber, hinter die Sicherheitszone zu gelangen. Dort stellte ich fest, dass die Küstenstraße ebenfalls unter Wasser stand. Immer noch peitschten hohe Wellen gegen die Kaimauer und jedes Mal drückte das Wasser hohe Fontänen durch die Gullys nach oben.

Ein Stückchen weiter an der Küstenstraße hatte sich eine Gruppe Schaulustiger um einen Kran versammelt, der einen blauen Truck aus einem Loch zog, das sich unter der Straße aufgetan und den Wagen verschluckt hatte. Offenbar hatten die Wassermassen den Boden unter dem Asphalt ausgehöhlt und die Straße so tief absinken lassen.
Der Abend dieses Tages war für uns persönlich noch unangenehmer als der des Hurrikans. Denn noch immer gab es keine Elektrizität, da die Leitungen, die im Wasser lagen, die Menschen auf den Straßen hätten töten können und die Hitze wurde ohne funktionierende Klimaanlage unerträglich.. Wir stellten uns darauf ein, wohlmöglich bis zu unserem Rückflug ohne Strom leben zu müssen, was uns nicht gerade begeisterte.

Am nächsten Tag saßen wir, von der Hitze völlig erschöpft, in unserer Wohnung, als urplötzlich der Kühlschrank wieder zu brummen begann und das Licht anging. Der Strom war wieder da!Von da ab beruhigte sich die Situation allmählich und der gewohnte Alltag kehrte wieder in Havanna ein. Wir mussten uns zwar ein wenig Sorgen um unseren Rückflug zwei Tage später machen, da der nächste Hurrikan bereits im Anmarsch war, aber glücklicherweise wurden wir diesmal nicht getroffen. Insgesamt war der Hurrikan gar nicht so negativ für uns, sondern mehr ein Abenteuer.

Am letzten Tag dann – am Flughafen – mussten wir erfahren, dass die Auswirkungen des Hurrikans doch deutlich ernster waren, als gedacht. Wir trafen dort die beiden deutschen Touristen aus der Vorwoche wieder und erfuhren, dass deren Flüge bereits zweimal gestrichen worden waren und dass der neue Flug zudem elf Stunden Verspätung hatte, die sie am Flughafen abwarten mussten. Außerdem stellte sich heraus, dass es alleine in Havanna sieben Todesopfer gegeben hatte. Andere Touristen erzählten, wie sie am Strand von Varadero, einem beliebten Badeort an der Nordküste Kubas, mehrfach miterleben mussten, wie Leichen aus dem Wasser gezogen wurden.

Zudem stellten wir fest, dass die Tatsache, dass wir zwar keinen Strom, aber dafür Gas und Wasser hatten, keine Selbstverständlichkeit war. So hatten die anderen Touristen während der 48 Stunden Stromausfall weder Leitungswasser noch Gas.

Nachdem unser Flug (wegen eines Sturms…) dann auch eineinhalb Stunden Verspätung hatte, waren wir froh, uns mit einem der ersten regulären Flüge nach Hurrikan Irma wieder in Richtung Europa aufmachen zu können.

Die umfangreichen und aktuellen Informationen rund um Hurrikans verdanken wir der Arbeit von Meteorologen, die Sturmwarnungen herausgeben und versuchen, die Route eines Hurrikans vorherzusagen. Wer sich für Physik, Mathematik oder ähnliche Bereiche interessiert, kann sich ja einmal anschauen, ob ein Meteorologie-Studium nicht vielleicht interessant wäre. Meteorologen arbeiten nicht nur mit spektakulären Computermodellen und hochmodernen Mess-Systemen, sondern helfen auch, Menschenleben zu retten.

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