Die Wespe – Plagegeist oder Nutztier?

Am 21. September 2018 veröffentlicht von Katrin Janke

Was für ein Sommer: viel Sonne und heiße Temperaturen. Da will man doch am liebsten den ganzen Tag draußen sein. Und selbst der Herbst überrascht uns noch mit warmen Tagen. Doch hat man es sich gerade mit Kuchenstück oder Cocktail auf der Terrasse gemütlich macht, schon bekommt man ungebetenen Besuch – eine Wespe. Und oft nicht nur eine. In diesem Jahr scheint es mehr gelb-schwarze Hautflügler zu geben als je zuvor. Warum sind es überhaupt so viele? Und warum scheinen sie im Herbst noch hartnäckiger zu sein als im Sommer?

Darf ich vorstellen: die Gemeine Wespe (Vespula Vulgaris).

 

Hitze + Trockenheit = Wespe?!
Der Grund für die vielen Wespen in diesem Jahr ist das schöne Wetter. Der Hintergrund ist folgender: Ab März/April ist die Wespenkönigin auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Gründung eines Wespenstaates. Das Gelingen hängt von gutem Wetter ab und zwar, ob das Frühjahr warm, stabil und trocken war. Denn viel Regen und Feuchtigkeit birgt die Gefahr, dass die Eier überschwemmt werden. Dieses Jahr waren die Voraussetzungen besonders gut, sodass in vielen Staaten fast die ganze Brut überlebt hat.

Sonnenschein tut auch Wespen gut.

 

Staatengründung ist hart
Zu Beginn hat es die Königin nicht leicht: sie muss alleine die Larven füttern und das Nest aufbauen. Erst ab Juni bekommt sie Unterstützung, nachdem die ersten „Arbeiterinnen“ geschlüpft sind. Arbeiterinnen sind unfruchtbare Wespen, die für die Vergrößerung des Nestes, Nahrungsbeschaffung und Brutaufzucht zuständig sind. Das „Papiernest“ wird übrigens aus zerkautem Holz und Speichel gefertigt.
Die Larven ernähren sich von Eiweiß, deswegen jagen die Wespen zu der Zeit vor allem Insekten: Fliegen, Spinnen, Maden, Heuschrecken, Mücken, Schnaken, Blattläuse und Raupen. Die Alternative dazu sind ein Stück Schinken oder Grillfleisch, die sie uns aus dem Garten stibitzen. Während der Larvenaufzucht sind somit noch nicht viele bzw. nicht alle Wespen zu sehen. Wenn die Königin im Spätsommer stirbt, verlässt der Rest des Volkes das Nest. Ab sofort sind die erwachsenen Tiere auf der Suche nach Nahrung, bevorzugt in Form von Zucker, weil das ein schneller Energielieferant ist. Deswegen sind süße Getränke, Fallobst und Kuchen nun interessanter. Für die „Arbeiterinnen“ ist das eine schwierige Umstellung, da sie nun auf sich selbst gestellt sind und um ihr Überleben kämpfen. Das ist auch der Grund, warum Wespen ab September aggressiver und hartnäckiger sind.
In der Regel werden pro Sommer zwei Generationen Jungtiere aufgezogen, was bedeutet, dass am Ende ein Staat von mehreren Tausend (bis zu 12.000) Wespen zu Stande kommt. Der Kreislauf endet damit, dass (fast) alle Wespen im Winter sterben. Die Ausnahme bilden die begatteten Jungköniginnen. Diese suchen sich ein Winterquartier, wo sie in eine Starre (die sog. Diapause) verfallen, um im darauf folgenden Frühjahr selbst ein Volk zu gründen.

Im August sind Wespen auf der Jagd nach Insekten. Auch wenn es selten vorkommt, landet ab und zu auch eine Biene auf ihrem Speiseplan.

 

Schlechter Ruf
Zwar gibt es in Niedersachsen mehr als 50 heimische (harmlose) Wespenarten und nur acht davon gründen die oben beschriebenen Wespenstaaten. Und doch hat die Wespe einen schlechten Ruf und der geht auf zwei bestimmte Arten zurück: die Gemeine Wespe (Vespula Vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula Germanica). Sie werden als besonders lästig empfunden, weil sie die Nähe zum Menschen suchen. Wobei sie an Menschen überhaupt nicht interessiert sind, sondern ausschließlich auf der Suche nach Nahrung sind. Die Deutsche und die Gemeine Wespe unterscheiden sich von ihren Artgenossen nämlich darin, dass sie nicht nur Blumen, sondern auch Fleisch und Süßes anziehend finden. Im Grunde genommen verfolgen aber auch diese beiden Wespenarten eine Abwehr-Strategie und würden nie von sich aus angreifen. Die Wespe sticht nur zu, wenn sie sich bedroht fühlt. Nähert man sich beispielsweise unbeabsichtigt ihrem Nest, kann sie durchaus aggressiv und unberechenbar reagieren. Hinzu kommt, dass bei einem Stich Alarmpheromone freigesetzt werden, die wiederum weitere Tiere anlocken und zum Stich animieren.

Nach Rind und Schwein ist die Biene das wichtigste Nutztier in Deutschland. Doch auch die Wespe hat nicht nur eine wichtige Funktion.

 

Biene – gut und Wespe – schlecht?
Wer braucht schon Wespen, könnte man sich fragen. Doch die Antwort darauf lautet: Wir brauchen sie! Und vor allem unser Ökosystem. Während die Biene Blütenpollen für die Produktion von Honig sammelt, fliegt die Wespe von Blume zu Blume, um von dem süßen Nektarsaft zu naschen. Also ist die Wespe genau wie die Bienen ein Bestäuber und ein wichtiges Nutztier. Zudem bestäubt die Wespe im Vergleich zur Biene sogar bei kühlem Wetter und Regen.
Eine weitere Funktion der Wespe ist es, Schädlinge zu bekämpfen. Für die Brutaufzucht werden Insekten gejagt. Je nach Größe des Wespenvolkes werden pro Tag bis zu 3000 Tiere gefangen. Dank der „fleißigen Gartenpolizei“ wird ein Übermaß an Schädlingen verhindert und Ernteverluste vermindert. Das klingt doch gut: Weniger Mücken und mehr frisches Obst für uns! Außerdem haben Wespen noch einen anderen Nutzen: Sie stehen mit auf dem Speiseplan von Hornissen und Vögeln.

Die Hornisse (Vespa Crabro) ist grundsätzlich friedlich gestimmt und würde dem Menschen nie absichtlich zu Nahe kommen.

 

Umgang mit Wespen
Wespen stehen genau wie die Bienen, Hummeln und Hornissen unter Naturschutz. Daher sind weder das Zuschlagen noch das Aufstellen von Wespenfallen eine Option. Hektisches Wedeln oder Draufpusten sind zwar naheliegend, doch auch nicht das richtige Verhalten bei der Begegnung mit einer Wespe. Umweltverbände empfehlen eine friedliche Koexistenz. Doch wie genau kann die funktionieren? Hier einige Tipps:

  1. Ruhig bleiben, keine ruckartigen Bewegungen machen und nicht nach den Tieren schlagen. Wespen stechen nur, wenn sie sich bedroht fühlen.
  2. Nicht wegpusten, weil der Kohlenstoffdioxid im Atem für Wespen ein Alarmsignal ist.
  3. Nahrungsmittel im Freien abdecken, Getränke mit Strohhalm trinken und Reste sofort wegwerfen.
  4. Wespen werden von Parfums, Cremes und Möbelpolitur sowie bunten Farben angezogen, daher so gut es geht darauf verzichten.
  5. Kindern nach dem Essen sofort den Mund abwischen, damit keine Wespen angelockt werden.
  6. Nicht barfuß auf einer Wiese mit Streuobst laufen.
  7. Ein bewährtes Ablenkungsmanöver, um sie wegzulocken, ist die „Wespen-Leckerei“. Im frühen Sommer gekochten Schinken und später überreife Früchte etwa zehn Meter vom gedeckten Tisch entfernt aufstellen.
  8. Abschreck-Tipp: Brennendes Kaffeepulver in einem feuerfesten Gefäß auf den Tisch stellen.
  9. Nicht in die Nähe eines Nestes gehen, denn dort reagieren sie aggressiver.
  10. Finger weg vom Nest! Es wird dringend davon abgeraten auf eigene Faust gegen Wespen vorzugehen, wie beispielsweise mit einem Wasserstrahl oder Insektenbekämpfungsmittel. Wenn man ein Wespennest in seiner unmittelbaren Umgebung hat, sollte man sich an eine professionelle Schädlingsbekämpfungsstelle wenden, damit das Nest umgesiedelt wird.

 

Ab September kann man eine Wespe mit überreifem Obst vom gedeckten Tisch weglocken.

 

Erste Hilfe
Manchmal helfen alle Tipps und Tricks nicht und es kommt doch zu einem Stich. Was ist dann zu bedenken? Und wie verarzte ich am besten die betroffene Stelle? Im Grunde genommen ist ein Wespenstich ungefährlich, solange keine Allergie vorherrscht oder man in den Hals bzw. Mund gestochen wurde. Doch auch da kann man den Heilungsprozess beschleunigen: Erst das Wespengift ausdrücken, am besten mit einem Saugstempel. In keinem Fall aussaugen, da das Gift sich sonst über die Schleimhäute verteilt.
Schnelle Linderung gegen den Schmerz und die Schwellung verschafft uns eine Zwiebel. Einfach halbieren und auf die Einstichstelle halten. Diese wirkt desinfizierend. Weitere Hilfsmittel sind Hitze oder Kälte. Ein auf 40-50 Grad Celsius erhitzter mit Wasser durchtränkter Waschlappen sorgt dafür, dass die Histamin-Moleküle des Wespengiftes zerfallen und so die Schwellung geringer ausfällt. Genauso gut kann die Einstichstelle mit Eiswürfeln oder Kühlgel behandelt werden. Besonders ein kalter Essigumschlag hilft das alkalisch wirkende Wespengift zu neutralisieren.
Bei einem Stich im Mund- oder Halsbereich sollte unverzüglich der Rettungsdienst oder ein Arzt verständigt werden, da die Schwellung schnell zu Atemnot führen kann. Um der Schwellung entgegenzuwirken, hilft es auf dem Weg zum Arzt Eiswürfel zu lutschen.

Das altbewährte Hilfsmittel gegen Entzündungsprozesse: Zwiebeln.

 

Und mit Allergie?
Als Allergiker muss man sich natürlich ein Paar mehr Fragen stellen. Erst einmal, ob eine Biene oder eine Wespe zugestochen hat. Die Faustregel hierbei: ein Bienenstachel bleibt in der Haut stecken und die Biene stirbt, ein Wespenstachel hingegen bleibt am Tier dran und sie lebt weiter. Diese Information ist für den behandelnden Arzt äußerst relevant. Ein Bienenstich enthält im Vergleich zur Wespe die zehnfache Menge an Gift und muss anders behandelt werden. Die Symptome einer Allergie auf Insektengift sind: eine starke Schwellung, Juckreiz, Quaddeln, Herzrasen, Kreislaufbeschwerden, Fließschnupfen, Übelkeit, Bewusstlosigkeit, Schwellungen im Gesicht- und Halsbereich sowie Atemnot. Ein anaphylaktischer (allergischer) Schock verläuft unbehandelt in der Regel tödlich, daher ist schnelles Handeln überlebenswichtig. Wenn in den ersten 15 Minuten die oben beschriebenen Symptome auftreten, sollte umgehend der Notarzt informiert werden. Bis er kommt sollte die Person im Sitzen positioniert werden. Bei Kreislaufproblemen sollte der Betroffene auf dem Rücken liegend die Beine hochlegen. Bei Bewusstlosigkeit muss derjenige in die stabile Seitenlage gebracht werden.
Wer genau weiß, auf welches Insekt er allergisch ist, sollte im Sommer immer ein Notfallset mit dabei haben. Dieses muss ein Antihistaminikum, ein Kortisonpräparat und Adrenalin (als Spray oder als Spritze) enthalten. Sofort nach dem Stich sind das Antihistaminikum und das Kortison einzunehmen. Falls die Zunge anschwillt, kommt das Adrenalin zum Einsatz.

Wer Interesse an dem Thema hat, hier eine Seite zur Vertiefung:
http://www.aktion-wespenschutz.de/Wespenarten/Wespenarten.HTM

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