Es war einmal… die Blockchain

Am 4. April 2019 veröffentlicht von Erwin Völkening

Der König war außer sich. Mit großer Wucht klatschten seine wurstigen Finger die runzelige kleine Avocado auf den güldenen Tisch. “Es ist vollkommen abstrus mein lieber Prinz! Vollkommen frei von Sinn und Verstand! Was nützt es mir und meinen Untertanen, wenn jedwedes Bestreben nach Klarheit und Struktur von Chaos und Verschwendungssucht durchkreuzt wird? Wie soll ein armer alter Mann wie ich ein Königreich führen, wenn er nicht einmal im Bilde darüber sein kann, wo welche edlen Gaben des Erdballs in seinem Reiche zu finden sind? Wie soll ein Höchster wissen, welch Früchte welchem Edelmann gehören, ohne dass des Bösen Kräfte stets und ohn Unterlass dem Teufel der Täuschung in die Hände spielen”.Der Thronsaal erzitterte, das Jahrhunderte alte Gemälde am anderen Ende des Raums neigte sich von seiner gewohnten Position vier Grad nach links und der darauf abgebildete Reiter, ein entfernter Vorfahre des Königs, schien einen verächtlichen Blick durch die mit Bernstein geschmückte Halle zu werfen.Märchenschloss Augmented RealityDer Prinz, unzweifelhaft mit den Tugenden des Scharfsinns und der Bedächtigkeit gesegnet, suchte den Zorn des Alten zu besänftigen und sprach: “Verzagt nur nicht, mein König! Ruft die Klügsten des Reiches und lasst euch Möglichkeiten präsentieren, wie euer Problem zu lösen sei!”. Nach kurzem Überlegen erhellten sich die Gesichtszüge des Regenten und er rief: “So sei es! Lasst den Schatzmeister der königlichen Reichtümer, den Kaufmann der sieben Meere und die Zauberin der großen Einöde kommen, auf dass sie kundtun, wie wir sicherstellen können, stets und ohne Fehler zu wissen, wer wann über welche köstlichen Früchte unserer weitläufigen Ländereien zu verfügen vermag!”.

Gesagt, getan. Kurz nach Sonnenaufgang des folgenden Tages versammelten sich die drei Berufenen im Schloss, um ihre Lösungen zu präsentieren. Zuerst trat der Schatzmeister vor und sprach: “Wenn Jemand mit Euch einen Handel eingeht, so wird er versuchen, euch übers Ohr zu hauen. Wollt Ihr also sicher gehen, dass der Verkauf von Früchten stets mit rechten Dingen zugeht, so müsst Ihr die Transaktion fälschungssicher gestalten. Ich schlage vor, Ihr haltet die Daten dazu auf einem Stück Birkenholz fest, welches Ihr dann zerbrecht. Eine Hälfte des Holzes behaltet Ihr, die andere euer Handelspartner. Wenn die Ernte kommt und die Schuld zu begleichen ist, könnt ihr die Stücke wieder aneinanderhalten und sehen wie die Verhältnisse um Euren Besitz stehen. Sollte jemand es gewagt haben, das Holz zu verändern, wird es beim Vergleich sofort auffallen.”

Diese Form der Buchführung nennt man das Kerbholz oder auch den Zählstock. Daher stammt auch der Ausdruck “Etwas auf dem Kerbholz haben”

Als nächstes erhob der Kaufmann die Stimme und verkündete: “Obgleich das eine feine Art der Buchführung ist, lasst mich ausführen, wie Ihr Euch wirklich im Klaren sein könnt, wer über welchen Besitz verfügt und welche Schulden offen stehen. Nehmt ein Stück Papyrus und lasst dort stets auf der einen Seite niederschreiben, welch Früchte Ihr aus dem Lager verkauft habt und auf der anderen, wie viel Einnahmen das der Staatskasse beschert hat. So könnt Ihr nach Ende jedes Sonnenzyklus prüfen, ob auf beiden Seiten die gleichen Werte festgeschrieben stehen und Ihr habt einen klaren Überblick über das Geschehen in eurem Königreich.”Dieses Verfahren entspricht in etwa der doppelten Buchführung, die heute in den meisten Unternehmen zum Einsatz kommt.Fast unmerklich war es im Thronsaal schummerig geworden und deutlich kühler.

Die Zauberin, der bisher kein einziges Wort über die Lippen gekommen war, begann langsam und mit hohler Stimme zu sprechen: “Obgleich Eure Vorschläge voller Anstrengung des Geistes sind, sind sie dennoch töricht! Mit dem Holz des Schatzmeisters beschränkt sich Eure Aufzeichnung jeweils auf einen einzigen Handelspartner. Und lasst Euch sagen, dass der zweite Vorschlag, der des Kaufmanns, zwar edel ist, jedoch nicht vor Schaden schützt. Sollte zum Beispiel jemals ein wenig redlicher Schatzmeister über die königlichen Reichtümer wachen, so kann er ohne viel Verdruss verändern, was geschrieben steht und Euch oder Euren Handelspartner betrügen.”

“Ich habe eine bessere Idee! Hört genau zu: Ein Jeder aus Eurem Reiche, der sich am Handel zu beteiligen sucht, erhält ein magisches Blatt Papyrus, welches über alle Distanzen hinweg stets dasselbe zeigt, wie die anderen Blatt Papyrus auch. Auf diesem schreibt ein Jeder, der zu handeln gewillt ist, nun einen Zauberspruch, der alle Veränderungen der Besitzverhältnisse beschreibt und auf richtige Weise gelesen, ein einzigartiges, magisches Wort ergibt, mit welchem der nächste Zauberspruch beginnen muss.”Weltall Zauber“Nur wenn ein Wort am Beginn dieses Zauberspruchs zu dem jeweils vorherig entstandenen Wort auf der Mehrzahl aller Papyrus-Blätter passt, darf der Handel als gültig gewertet werden. Versucht jemand, nachträglich einen bereits geschriebenen Zauberspruch und die Informationen darin zu verändern, verändert sich das daraus entstehende Wort – und alle nachfolgenden Sprüche beginnen mit den falschen Anfangsworten, was es Euch erlaubt, böswillige Umtriebe direkt zu bemerken. Damit kein böser Zauberer in der Lage ist, durch einfaches Erraten Zauberworte und ganzen Ketten fälschlich zu verändern, habe ich den Prozess derart gestaltet, dass es ein wenig Zeit braucht, herauszufinden, welches magische Wort sich aus einem jeden Zauberspruch ergibt.”

In etwa so, wie es die Zauberin vorschlug, funktioniert die Blockchain-Technologie. Anstelle des magischen Papyrus existiert ein “Distributed Ledger”, ein Datensatz, der auf ein komplettes Netzwerk von Teilnehmern verteilt ist und der für alle die gleichen Informationen enthält. Die Daten werden also dezentral gespeichert. Die Zaubersprüche entsprechen den “Blöcken”, die magischen Worte einem kryptographischen Hash-Wert (das ist quasi ein Fingerabdruck des Blocks). Jeder Datenblock innerhalb dieser Kette an Blöcken – eben der Blockchain – enthält zum einen den Hash, der sich aus dem vorherigen Block ergibt, zum anderen die Daten, die festgehalten werden sollen und darüber hinaus den sich aus dem Block ergebenden neuen Hash-Wert. Jeder neue Block wird mit der dezentralen Datenbank (also dem Distributed Ledger) verglichen und muss in der Regel mit mehr als 50 Prozent der Datensätze übereinstimmen, um gültig zu sein.BlockchainDa, wie bei dem Zauberspruch oben, die Veränderung eines vergangenen Blocks alle nachfolgenden Blöcke ungültig werden lässt, ist die Blockchain fälschungssicher. Durch die dezentrale Speicherung, muss zudem keiner Instanz wie einer Bank oder einem Notar (oder einem Schatzmeister) mehr vertraut werden. Damit nicht einfach komplette Ketten der Blockchain von Computern erraten werden können, dauert die Erzeugung jedes Blocks seine Zeit und erfordert einigen Aufwand (Das nennt man “proof-of-work”, es gibt auch andere Methoden). Bei der Kryptowährung Bitcoin entspricht das dem “Mining”.

Der König nickte im Anschluss an die Ausführungen der drei Gesandten bedächtig, biss in die ungeschälte Avocado und verkündete: “Nun gut! Ich gedenke, den letzten Vorschlag zu erproben. Ich danke Euch allen für Eure Zeit und Mühen.” Die Sonne versank purpurn hinter den westlichen Höhen, der Tag verblich, König, Prinz und die Berufenen verließen den Thronsaal. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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