Schnupperstudium an der TU Clausthal – warum Mädchen sich für MINT-Fächer interessieren

Am 3. Dezember 2019 veröffentlicht von Jekaterina Stael von Holstein

Zur gleichen Zeit der Orientierungsphase an jeder Uni, sieht man an der TU Clausthal eine größere Gruppe bestehend aus jungen Frauen durch die Stadt gehen. Auch wenn das Alter ganz gut passt, handelt es sich nicht um Studentinnen, die sich zusammengeschlossen haben, sondern um Schülerinnen. Sie probieren eine ganze Woche das Studierendenleben in Clausthal aus und informieren sich dabei über Studienbedingungen, mögliche Studiengänge und die technischen Anwendungsgebiete.

Hintergrund des Beitrages

Als ich die Idee hatte über das Schnupperstudium zu schreiben, war dies auch ein wenig eigennützig. Ich wollte mich mit den Mädels unterhalten und herausfinden, was sie bewegt hat, an diesem Programm teilzunehmen und was sich verändert hat seit meiner Teilnahme als Schülerin. Damals wusste ich bereits, dass ich Ingenieurin werden möchte, aber ich wusste nicht, was es für Möglichkeiten gibt.

Im Jahr 2010 ging ich bereits in die 13. Klasse und es gingen langsam die Abiturvorbereitungen für meine drei Leistungskurse los: Physik, Mathematik und Politik. Anfang des Semesters verteilte unser Physiklehrer Flyer in der Klasse für das Schnupperstudium der TU Clausthal. Es ging um ein Orientierungsprogramm, das in den Herbstferien im Harz stattfinden sollte, bei dem nur Schülerinnen an technischen Workshops der Uni teilnehmen konnten und das eine Woche lang. Ich wurde neugierig, denn ein Jahr zuvor war ich auf der IdeenExpo 2009 gewesen und wusste schon, dass ich die Ingenieurslaufbahn verfolgen möchte. Allerdings hatte ich keine Ahnung wie ein Studium aussehen kann und was dabei zu beachten wäre. Auch hatte ich bis dahin nur von Maschinenbau und Elektrotechnik als technische Studiengänge gehört und wusste andere Studiengänge schlecht einzuordnen. Nachdem ich meinen Eltern von dem Programm erzählt hatte, waren diese ebenfalls begeistert und ein paar Wochen später saß ich mit einem Koffer im Zug Richtung Harz.

Ich wurde in einem Gästehaus zusammen mit anderen Schülerinnen untergebracht und es wartete auf mich ein strammes Programm. Unsere Betreuerinnen waren Studentinnen der TU, die uns die ganze Woche lang begleiteten. Neben der Vorstellung der Uni und der einzelnen Einrichtungen, erfuhren wir welche Studiengänge angeboten wurden und wie hoch zu dem Zeitpunkt auch die Karrierechancen und Einstiegsgehälter waren. Dabei fiel auf, dass die Harzer Uni einen Schwerpunkt auf Bergbau und Energien hatte, was mich sehr neugierig machte. Darüber hinaus nahmen wir an verschiedenen Workshops teil. Sie waren sehr vielfältig und ich konnte in die Bereiche anorganische Chemie, Wirtschaftsinformatik und Energietechnologien mit sehr aktuellen Themen der Wissenschaft und Gesellschaft reinschnuppern. In der anorganischen Chemie standen wir im Labor und stellten Boraxperlen her, während wir in der Wirtschaftsinformatik über die Kalkulation der Risikobereitschaft und deren möglichen Ausgänge informiert wurden. Im Institut für Elektrische Energietechnik lag der Schwerpunkt bei Elektroautos und einer möglichen Konzeption der Elektrotankstellen, die zu dem Zeitpunkt erst ein reines Ideenkonstrukt waren. Besonders diese Station hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck, da diese Technologie zukunftsweisend war und es gefiel mir an intelligenten Anwendungen zu arbeiten.

Das Angebot der Workshops war sehr unterschiedlich, so dass andere Schülerinnen die Möglichkeit hatten ebenfalls u.a. in die Gießerei, in die Schweißtechnik sowie in die Fabrik- und Anlagenplanung einen Einblick zu bekommen. Darüber hinaus nahmen wir an der Mathevorlesung und der Vorlesung zur anorganischen Chemie teil. Das Rahmenprogramm war ebenfalls sehr groß, sodass wir zahlreiche Institute besuchen konnten, uns eine Führung durch das Bergbaumuseum angeboten wurde und wir abends zusammen feierten. Ich lernte viele tolle Menschen kennen und schloss Freundschaften, die bis heute anhalten. So ist es nicht verwunderlich, dass ich mich nach dem Abitur entschied, an die TU Clausthal zu gehen.

Schnupperstudium 2019 – Unterschiede und Parallelen

9 Jahre Unterschied liegen zwischen meinen Erlebnissen und den Erlebnissen der Schülerinnen, die in diesem Jahr nach Clausthal für ein Schnupperstudium gekommen sind. Ich hatte die Möglichkeit mich mit ihnen beim Mittagessen in der Mensa zu unterhalten, um herauszufinden wie sie das Schnupperstudium empfunden haben.

Schnupperstudium gemeinsames Mittagessen

 

Die sieben Schülerinnen der Klasse 10 bis 13 kamen aus ganz Niedersachsen, Hamburg und auch der näheren Umgebung, um sich vorrangig zu informieren welcher Studiengang zu ihnen passt. Denn auch sie haben bereits alle ein Interesse an Mathematik, Physik, Chemie, Biologie in der Schule entwickelt. Auch haben einige Englisch als Leistungskurs, denn viele Bücher zu MINT Themen sind auf Englisch veröffentlicht. Auf die Frage warum gerade MINT-Fächer kamen unterschiedlichste Antworten. Hier eine kleine Zusammenfassung:

  • MINT steht für Zukunft
  • MINT-Begeisterung kam durch die Lehrer in der Schule oder durch die Familie
  • MINT Thematiken entwickeln sich immer weiter
  • MINT heißt Führen und somit auch eine Besetzung von Führungspositionen
  • Bei MINT fasst man mit an
  • MINT heißt auch friedliche Kommunikation
  • mit MINT kann man Naturwissenschaften praktizieren
  • MINT heißt Ergebnisse erzielen

Die Schülerinnen dachten sehr zukunftsorientiert und waren praktisch veranlagt, weswegen ich sie fragte, wie sie sich ihr Berufsleben vorstellten. Und da kam eine Antwort, mit der ich wenig gerechnet hatte: die meisten wollten Lehrerinnen werden. Der Lehrermangel scheint in der Schule heute sehr präsent zu sein und die gleichzeitige vielversprechende Festeinstellung als LehrerIn animiert viele SchülerInnen nach dem Lehrerberuf zu streben. Es gab aber auch Schülerinnen, die Chemikerinnen werden oder im Anlagenbau tätig sein wollten.

Eine weitere Motivation warum die Schülerinnen sich für MINT begeistern, waren bisherigen Praktika, die die Schülerinnen in dem MINT-Bereich absolviert haben. Eine Schülerin hat z.B. im DESY in Hamburg ihr Schülerpraktikum absolviert, eine andere war in Göttingen im Institut für Forstbotanik. Es gab auch mehrere Schülerinnen, die die IdeenExpo besucht hatten.

Gruppenbild Schnupperstudium 2019

Natürlich fand ich es wichtig herauszufinden wie die Mädchen das Schnupperstudium fanden, denn unser Gespräch ereignete sich gegen Ende des Programmes. Mit so viel positiver Reaktion hatte ich nicht gerechnet! Die vielen Praktika haben ihnen sehr gefallen, besonders der Bau von Batterien, aber auch der Workshop zur Simulation von Warteschlangen. Einen tiefen Eindruck habe auch die Vorlesung zur Rohstoffgewinnung im Bergbau hinterlassen, denn nicht nur Kohle, sondern auch z.B. Salz und Sand für Beton werden durch Bergbau gewonnen. Aber auch Workshops u.a. zur angewandten schweißtechnischen Fertigung sowie Versuche zu Photovoltaik und Windenergie wurden durchgeführt. Neben dem ähnlichen abendlichen Programm wie zu meiner Schnupperstudiumzeit, gab es am Abend auch sportliche Betätigung beim Kanupolo oder beim Body-Shape-Kurs. Abgerundet hatten das Schnupperstudium der Besuch des lokalen Volksfestes und natürlich alle Infos rund um ein technisches und naturwissenschaftliches Studium. So erzählte mir eine Schülerin begeistert, dass sie sich früher unter dem Wort „Maschinenbau“ wenig vorstellen konnte, aber nun wisse, was dahintersteckt. Auch gab es sehr viel Interesse gegenüber dem Thema der Erneuerbaren Energien, insbesondere solare Energiequellen hatten viel Zuspruch bekommen.

Mädchen und MINT passen wunderbar zusammen

Die Schülerinnen und Schüler denken sehr zukunftsorientiert und verlassen sich auch oft auf die Meinung der Eltern, der Lehrkräfte und der Umgebung. Wenn allerdings die Eltern nicht aus dem MINT-Bereich kommen oder die Lehrkräfte in Naturwissenschaften die Stunden vielleicht nicht ganz so spannend gestalten, müssen weitere Mechanismen her, um die SchülerInnen über diesen Bereich aufzuklären. Das können Jobmessen sein, die IdeenExpo, Jobportale oder eben spezielle Schülerprogramme an Hochschulen. Mit Spaß und Initiative fällt sogar das Bestehen der eher schwierigen Fächer leichter. Ein besonderes Augenmerk bei MINT liegt auf Mädchen, denn diese sind immer noch in dem Bereich unterrepräsentiert. Die Situation scheint sich jedoch etwas entspannt zu haben, denn die Schülerinnen des Schnupperstudiums erzählten mir, dass es immer mehr Mädchen in naturwissenschaftlichen Klassen gibt, sogar welche mit einem ausgeglichenen Mädchen-Jungen-Verhältnis. Auch an unserer technischen Uni hat sich das Verhältnis zu mehr Studenteninnen und Dozentinnen verschoben, was sicherlich vielen Mädchen als Vorbild dienen kann. Es geht also wirklich nicht darum ob Mädchen MINT können, sondern wie man am besten bei ihnen das Interesse wecken kann – und da gibt es viele Möglichkeiten!


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