Der Weg zur (eigenen) Seife

Am 20. März 2020 veröffentlicht von Katrin Janke

Seife gehört zu unserem täglichen Leben dazu. Vor allem in Zeiten von Corona-Virus, Grippewellen und Co. ist sie einfach nicht mehr wegzudenken. Wir sehen sie als eine Selbstverständlichkeit des Alltags. Die Wenigsten von uns fragen sich, woraus sie gemacht ist und wo sie ursprünglich herkommt. Ich habe mir diese Fragen gestellt und werde sie nun auch beantworten.

Das soll Seife sein? Ja!

Die Anfänge der Seifenherstellung

Alles fing 4.500 v. Chr. im südlichen Mesopotamien an (heutiger Irak). Dort lebte das Volk der Sumerer – eine der frühen Hochkulturen. Diese schrieben auf eine Tontafel das erste Rezept für den Vorgänger der Seife:

  1. Tannenzapfen und Dattelpalmen verbrennen.
  2. Die dabei entstandene Pottasche mit Öl verkochen.
  3. Fertig!

 

Die Sumerer übersahen jedoch den reinigenden Effekt und nutzten das Gemisch als Heilsalbe. Auch Ägypter und Griechen verwendeten ähnliche Seifenformen. Die Germanen und Gallier entdeckten die Seife als “dekoratives Kosmetikum”. Sie benutzten aus Ziegen-, Rinder- und Hirschtalg hergestellte Seife als Bleichmittel für ihre Haare und frisierten sich mit einer seifenartigen Pomade. Erst die Römer, die für ihre Badekultur bekannt sind, setzten Seife gezielt zur Körperreinigung ein und das auch erst ab dem 2. Jahrhundert nach Christus.

Im 7. Jahrhundert verliehen die Araber der Seifensiedekunst den letzten Feinschliff: Sie verkochten Öl erstmals mit Lauge, die aus gebranntem Kalk gewonnen wurde. Diese Rezeptur führe zur festen Konsistenz der Seife. Zunächst nur Luxusgut der Adeligen wurde Seife bald in öffentlichen Badehäusern auch dem einfachen Volk zugänglich. Im Mittelalter sorgten Pest und Syphilis für einen Imagewechsel – Seife und Wasser wurden fälschlicherweise als Krankheitsverbreiter angesehen und gemieden. Es wurde die Trockenwäsche erfunden, die durch saubere Tücher, Parfüm und Puder ganz ohne Seife und Wasser auskam.

Seife als Massenprodukt

Die Wiederentdeckung der Seife fand im 18. Jahrhundert statt und ein Jahrhundert später setzte sich unser heutiges Hygieneverständnis durch. Zur Zeit der Industriellen Revolution stieg der Bedarf an Seife, der nur durch die industrielle Massenproduktion gedeckt werden konnte. Zunächst verkochten die Unternehmen billige Lein- und Hanföle, um diese zu erschwinglichen Preisen anbieten zu können. Doch bald wurden Natriumcarbonat und -hydroxid künstlich hergestellt. Die Folge: Das wasserlösliche Reinigungsmittel wurde nun zu Spottpreisen verkauft. Richtig gesiedete Seife ist heute tatsächlich eine Seltenheit.

Das Image des beliebten Waschmittels wandelte sich erneut. Denn Seife macht nicht nur sauber, sondern schädigt auch die Haut. Die enthaltenen alkalischen Substanzen haben einen hohen basischen pH-Wert. Die menschliche Haut hingegen hat einen leicht sauren pH-Wert (durchschnittlich 5,5). Grund dafür ist die körpereigene Schweiß- und Talgproduktion. Wasser entspricht dem pH-Wert 7 und gilt als neutral. Seife hat durchschnittlich einen pH-Wert von 9-10 und zerstört den natürlichen Säureschutzmantel der Haut. Dadurch trocknet sie aus. Grundsätzlich ist normale, gesunde Haut in der Lage den natürlichen Hautschutz innerhalb einer Stunde wieder aufzubauen. Bei irritierter, gereizter oder empfindlicher Haut kann dies jedoch länger dauern. In diesem Fall empfiehlt es sich Kosmetik und Hygieneprodukte zu benutzen, die dem pH-Wert der Haut angepasst sind. Achte mal beim nächsten Einkauf darauf, was du zum pH-Wert auf der Verpackung finden kannst.

DIY – Selfmade Soap

Es gibt auch die Möglichkeit einfach selbst Seife herzustellen. Schon das Rezept der Sumerer klang gar nicht so kompliziert – dies gilt auch für die heutige Rezeptur.

Ich war zu Besuch bei einer Seifenherstellerin, die ihr Hobby sogar zum Beruf gemacht hat. Susanne Richter hat mit 20 Jahren angefangen ihre eigene Seife zu rühren. Vor rund zehn Jahren hat sie angefangen, ihre Seife unter dem Namen „Seifen Perle“ professionell zu vertreiben. Vom Beruf ist sie eigentlich Abwassermeisterin und arbeitet als Ausbilderin in der Kläranlage von Hannover. Ein chemischer Beruf und ein chemisches Hobby lassen sich eben gut vereinen. Außerdem hatte Susanne Richter schon früh mit empfindlicher Haut zu kämpfen und fand so die passende Alternative zur industriellen Variante. Wer ein eigenes Seifengeschäft oder überhaupt irgendeine Art von Kosmetik- und Hygieneartikelproduktion starten will, muss mit strengen Verordnungen rechnen. Rechenschaft muss nicht nur über Herstellung und Lagerung abgelegt werden, sondern auch über die Inhalts- und Allergenstoffe. Ein jährlicher Besuch vom Veterinäramt gehört ebenfalls dazu. Die umfangreiche Bürokratie sei zwar etwas lästig, doch eine sinnvolle Maßnahme, erklärt Richter. Bei der Seifenherstellung könne man einiges falsch machen, was zu Gesundheitsschäden bei den Verbrauchern führen kann.

“Rein optisch kann man eine falsch hergestellte Seife nicht von einer richtigen unterscheiden. Das merkt man dann erst unter der Dusche, wenn die Haut nach dem Waschen rot wird und juckt”, so Susanne Richter.

Daher beim Kauf von Seife auf Künstler- oder Handwerksmärkten stets genau nachhaken. So könnt ihr erkennen, ob euer Gegenüber etwas von der Seifensiedekunst versteht oder nicht.

Zutaten & Werkzeuge: Wasser, Natriumhydroxid, Öl, Zitronenmelisse-Blätter, Bechergläser oder andere Behälter (nicht aus Plastik oder Aluminium), Waage, Rührgerät, Kochtopf, Herdplatte, Schutzkleidung.

1. Schritt

Wir werden uns bei der Seifenherstellung des Kaltrührverfahrens bedienen. In der Industrie wird hingegen häufiger das Warmrührverfahren angewandt (die Seife kocht dabei 24 Stunden lang im Ofen).

Bevor wir loslegen, ist erst einmal Schutzausrüstung notwendig: ein Kittel aus robustem Stoff, Gummihandschuhe und eine Schutzbrille (lange Haare bitte zu einem Zopf binden). Wie in der Schule im Chemielabor brauchen wir zum Experimentieren ausreichend Schutz. Wenn du die Küche als Arbeitsplatz nutzen willst, ist es sinnvoll diese mit altem Zeitungspapier oder Kunststoff auszulegen.

Unser Ziel heute: Olivenölseife mit Zitronenmelisse-Blättern. Und auch jetzt geht es noch nicht ans Mischen, sondern ans Rechnen. Einer Verseifungstabelle entnehmen wir, wie viel Natriumhydroxid (NaOH) wir zur vollständigen Verseifung des Öls brauchen. In der Tabelle sehen wir: Für ein Gramm Olivenöl brauchen wir 0,1345 Gramm NaOH. Wir haben beschlossen 900 Milliliter Olivenöl zu verwenden. Wir multiplizieren unsere Menge an Olivenöl mit dem genannten Wert und erhalten: 121,05 Gramm NaOH – diese Menge an Natriumhydroxid brauchen wir, um eine 100-prozentige Verseifung zu erreichen. Wir möchten aber, dass unsere Seife ca. 10 % überfettet ist, d.h. es soll mehr Öl in der fertigen Seife sein, als durch die Lauge verseift wird. Das macht letztlich die Hautpflege aus. Daher wiegen wir nur 108 g NaOH ab. Das genaue Ausrechnen ist ungemein wichtig! Auch wenn du deine Seife nach einem Rezept aus dem Internet kreierst, rechne lieber selbst noch einmal nach. Wenn du mehr NaOH hinzugibst als soeben berechnet oder viel mehr Öl hinzufügst als 900 Milliliter, dann besteht das Risiko eine “ätzende” Seife herzustellen. Ihr pH-Wert ist dann zu sauer oder zu alkalisch. Daher stets auf ein wenig “Überfettung” achten. Leider hat eine überfettete Seife in der Anwendung einen Nachteil: Sie schäumt weniger. In herkömmlichen Duschgels, Shampoos und Seifen wird deswegen ein synthetisches (nicht auf pflanzlicher Basis) Schäumungsmittel mit eingerührt.

2. Schritt

Nun geht es an die praktische Arbeit: Gleich zu Beginn kommt der gefährlichste Part – das Anmischen der Lauge. Da die Meisten zu Hause keinen Abzug wie im Chemielabor haben, sollten Wasser und Natriumhydroxid (hoch ätzend!) draußen vermischt werden. Stichwort – gut belüfteter Arbeitsplatz, da dabei giftige Dämpfe entstehen. Schutzbrille, -mantel und -handschuhe haben wir natürlich schon längst angezogen und tragen diese auch bis zum Ende unserer Seifenproduktion. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann beim Anmischen der Lauge auch gleich einen Mundschutz tragen. Werden Natriumhydroxid und Wasser zusammengegeben, kommt es zu einer exothermen Reaktion – das heißt: Wärme wird frei und das Gemisch erhitzt sich. Dabei kann es auch mal spritzen oder es können aufsteigende Blasen platzen. Kommt etwas davon ins Gesicht oder auf die Haut, kann das im schlimmsten Fall zum Erblinden oder starken Verätzungen führen. Daher: VORSICHT MIT DER LAUGE!

Das Verhältnis von Natriumhydroxid zu Wasser soll dabei 1:1,1 oder 1:1,2 liegen (für 100 Gramm NaOH – 110 Gramm oder 120 Gramm Wasser). Dann muss die Lauge erst einmal abkühlen. Da wir Zitronenmelisse-Blätter in der Seife haben wollen, kochen wir 200 Gramm Wasser ab und gießen es über die Blätter. Auch das lassen wir zunächst abkühlen. Danach arbeiten wir die 108 Gramm NaOH in den Zitronenmelisse-Tee vorsichtig ein. Diese Mixtur kann erst einmal beiseite gestellt werden.

Beim Hineinrühren der Laugenmischung ganz vorsichtig sein.

3. Schritt

In ein neues Becherglas schütten wir die 900 Milliliter Olivenöl. Wie wir bereits wissen, darf es aus Pflegezwecken etwas mehr sein. Im Anschluss erhitzen wir es leicht für ca. 5 Minuten, damit es eine Temperatur von 30-40 Grad erreicht. Wer gewiss sein will, kann auch ein Thermometer benutzen. Das erhitzte Öl bewirkt das völlige Schmelzen der Natronlauge, sodass keine Klumpen übrig bleiben. Wer möchte, kann das Öl auch auf 60-70 Grad erhitzen, dann wird die Seife noch geschmeidiger und glänzt.

Da unsere Seife einen Citrus-Duft haben soll, wollen wir noch etwas ätherisches Öl dazugeben und wiegen dafür 20 Milliliter ab. Nun fängt die Misch- und Rührphase an: Wir nehmen das Rührgerät (unbedingt aus Kunststoff, da die Lauge mit Metall reagiert) und rühren zunächst das Olivenöl etwas auf. Dann geben wir das ätherische Öl dazu sowie (GANZ VORSICHTIG) die Natron-Melissen-Lauge, die wir nach und nach einrühren. Das Ganze wird ca. 10 Minuten lang püriert bis die Masse dickflüssig wird.

4. Schritt

Anschließend gießen wir die gemischte Substanz in vorgefertigte Förmchen. Es dürfen Silikonbackformen oder spezielle Seifenkunststoffformen sein. Wichtig ist nur, dass keine Weichmacher drin sind, da diese oft öllöslich sind und in die Seife übergehen können. Die Förmchen werden erst mit Plastikfolie und dann mit Zeitungspapier abgedeckt. So bleibt die Seife warm und kann gut verhärten.

Wer seine Seifenstücke gerne dekorieren möchte, kann dies nach ein paar Stunden Wartezeit tun. Das beliebteste Dekomittel sind Rosenknospen. Im Grunde genommen stehen der Kreativität jedoch alle Türen offen. Wer eine Peeling-Seife herstellen möchte, kann beim Rührprozess einfach Mohn, Vollkorn oder Weizenkleie hinzugeben.

Nach einigen Stunden wird die Seife langsam fest, der Reifeprozess (Verseifung) braucht hingegen vier bis sechs Wochen. Damit sich die Seifenstücke dann besser aus den Formen lösen lassen, einfach für einige Zeit in den Kühlschrank legen.

Susanne Richter gibt mir nach unserem Seifenexperiment noch ein paar Tipps zu Ölen und ihren Wirkungen: Kamillenöl und Avocado-Öl sollte jeder vorsichtig testen, da manche Haut darauf eher gereizt reagiert. Distel-Öl sei besonders bei unreiner Haut geeignet, da es entzündungshemmend wirkt, vitaminreich (D und E) ist und für geringere Talgproduktion sorgt. Michpulver ist ihr Geheimtipp, um die Feuchtigkeit in der Haut länger beizubehalten und eine glattere Haut zu haben. Wer ein bestimmtes Öl nutzt, sollte sich im Voraus überlegen, welche Wirkung erreicht werden soll. Wenn es beruhigend wirken soll, eigne sich Lavendel sehr gut. Einen anregenden Effekt hat beispielsweise Orange. Eine gute Internetseite, die Rohstoffe für eigene Seifen- und Kosmetikherstellung anbietet ist: https://www.dragonspice.de/. Ein paar Rezepte zu DIY-Produkten findet ihr hingegen hier: https://spinnrad.de/.

Nach getaner Mischarbeit gießt Susanne Richter alles in Förmchen.

Wie funktioniert Seife?

Für gewöhnlich hat Wasser eine starke Oberflächenspannung. Dies liegt an den zwischenmolekularen Wasserstoffbrückenbindungen. Wasserstoffmoleküle ziehen sich gleichzeitig an und stoßen sich ab – so kommt es zu “Spannung” der Oberfläche. Seifen sind spezielle Tenside. Tenside haben die Fähigkeit, die Wasseroberfläche zu beeinflussen. Die zwischenmolekularen Eigenschaften des Wassers werden “heruntergeschraubt” – das heißt, es können Subtanzen durch die Wasseroberfläche hindurchdringen, die für gewöhnlich von ihm abgestoßen werden. Tenside entfalten ihre Wirkung bei der Reaktion mit Natriumhydroxid. Während der Seifenherstellung wird die Wasseroberflächenspannung dauerhaft aufgelöst. Ab da hat die Seife (ob fest oder flüssig) die Fähigkeit, kleine Feststoffteilchen von einer festen Oberfläche zu lösen. Die Tenside lagern sich um das Feststoffteilchen an und verhindern so das erneute Anhaften an anderen festen Oberflächen, die mit einer “Tensidschicht” belegt sind. In einfach: Wenn wir unsere Hände waschen, fangen die Tenside in der Seife alle (festen) Schmutzpartikel auf unserer Haut ein und sorgen dafür, dass sie auf unserer Haut keinen Halt mehr finden und mit dem Wasser weggespült werden. Nun wisst ihr auch, warum es heißt “Immer schön gründlich die Hände waschen” – nur so können die Tenside alle Schmutzteilchen finden und unschädlich machen!

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