Gold aus den Meeren: Der wilde Plan von Fritz Haber

Am 20. März 2020 veröffentlicht von Erwin Völkening

Etwa drei Prozent des weltweiten Energiebedarfs in der Industrie sind auf die Anwendung eines einzigen Verfahrens zurückzuführen: auf das Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniaksynthese. Dabei wird aus Stickstoff und Wasserstoff unter hohen Drücken und Temperaturen Ammoniak hergestellt, das neben anderem eine zentrale Rolle in der Herstellung von Düngemitteln spielt. Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass ohne dieses von Fritz Haber und Carl Bosch entwickelte Verfahren ein beträchtlicher Teil der Weltbevölkerung nicht mit Nahrung versorgt werden könnte.

Wer war Fritz Haber?

Fritz Haber

Fritz Haber (Bildquelle)

Fritz Haber, geboren am 9. Dezember 1868 in Breslau, war Chemienobelpreisträger – und Kriegsverbrecher. So ungewöhnlich es auch klingt: Der Namensgeber des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft war nicht nur ein gefeierter Wissenschaftler, sondern er wurde nach Ende des ersten Weltkriegs auch von den Alliierten wegen Verstößen gegen die Haager Landkriegsverordnung gesucht. Der Grund: Unter seiner Leitung wurden im Verlauf des Krieges die ersten Chemiewaffen und damit die ersten Massenvernichtungswaffen des Planeten produziert und eingesetzt.

Doch nicht nur weltweit anerkannte Leistungen und grausame Erfindungen zeichnen das historische Profil des Physikochemikers, sondern auch eine kleine, absurd erscheinende Anekdote aus der Geschichte der Wissenschaft: So hat Haber nach Ende des ersten Weltkriegs sechs Jahre lang daran gearbeitet, Gold aus den Weltmeeren zu gewinnen – in der Absicht, damit die durch den Versailler Vertrag festgelegten Reparationszahlungen (Kriegsentschädigungen) Deutschlands zu begleichen.

Gold in geringen Mengen überall in der Umwelt

Seine Raison war Folgende: Es ist kaum möglich, eine Stoffprobe herzustellen, die nicht durch die Präsenz anderer Elemente verunreinigt ist. Folglich müssten auch Substanzen wie Gold in geringen Konzentrationen in der Umwelt zu finden sein. Die einzige Hürde sei es, die Fähigkeit, diese Substanzen zu finden und zu isolieren, so weit zu verfeinern, dass man die Elemente extrahieren kann. Die damaligen Reparationsforderungen gegenüber Deutschland beliefen sich auf über 100 Milliarden Goldmark, was laut Habers Berechnungen etwa 50 Tausend Tonnen purem Gold entsprach. Zum Vergleich: Bis heute hat die gesamte Menschheit insgesamt weniger als 200 Tausend Tonnen Gold aus den Tiefen des Planeten fördern können.

Als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie (das heute nach ihm benannt ist) berief Haber nach 1919 die 20 Mitarbeiter starke geheime Arbeitsgruppe „Projekt M“ ein, die unter seiner Leitung Meerwasserproben analysieren und wirtschaftlich sinnvolle Extraktionsmethoden entwickeln sollte.

Nachdem Haber im Zuge einer Konsultation mit seinem schwedischen Kollegen Svante Arrhenius zunächst mit einer Goldkonzentration von drei bis zehn Milligramm Gold pro Kubikmeter Meerwasser rechnete, sah er sich bei einer eigens für sein Vorhaben entsandten Atlantikexpedition einer sehr durchwachsenen Datenlage gegenüber. Im Großen und Ganzen wichen die Resultate aber noch nicht allzu stark von den Erwartungen ab. Das sollte sich mit folgenden Expeditionen allerdings ändern: Bereits im Zuge der nächsten Atlantikexpedition mussten die ermittelten Goldkonzentrationen aufgrund von zuvor nicht beachteten Verunreinigungen stark nach unten korrigiert werden.

Goldbarren

Reparationszahlungen aus dem Meer: Das war die Idee von Fritz Haber, der Gold aus den Tiefen des Ozeans extrahieren wollte (Bildquelle)

Der Hauptgrund für die zunächst vielversprechenden Werte: Das von Haber eingesetzte Nachweiserfahren, die Kupellation, macht sich den Umstand zu Nutze, dass Edelmetalle wie Gold im Gegensatz zu unedlen Metallen nur schwer zu oxidieren sind. In einem Ofen werden zu prüfendes Metall und Blei unter oxidationsmittelreicher Atmosphäre geschmolzen. Dabei entstehen nun Bleioxid, unedle Metalloxide („Rost“) und in steigender Konzentration die Edelmetalle. Genau hier liegt allerdings die Crux, die Fritz Habers erste Messwerte verfälschte: „die Edelmetalle“ bezieht sich längst nicht nur auf Gold! Unter Anderem Silberverunreinigungen der Goldkörnchen erweckten so zu Beginn des Projekts den Anschein deutlich höherer Goldkonzentrationen.

Die letzte Expedition, diesmal nach Buenos Aires, läutete mit in Folge verbesserter Nachweismethoden weiter sinkender Goldkonzentrationen allmählich das Ende des Projekts M ein. Habers letzte Hoffnung war nun seine Theorie, dass das Gold in den Ozeanen nicht uniform verteilt, sondern in der Nähe unterseeischer Goldquellen in höherer Konzentration zu finden sei. Nachdem zusätzliche Messungen allerdings ebenfalls viel zu niedrige Werte lieferten, gab Fritz Haber sich 1927 schließlich geschlagen und das Projekt M wurde eingestellt. Anstelle von 6 Milligramm Gold pro Kilogramm, waren es nach letztem Stand Habers lediglich 0,0044 – viel zu wenig, um wirtschaftlich rentabel zu sein.

Die Realität sieht anders aus

Meer

Nur 0,0044 statt 6 Milligramm Gold pro Kilogramm im Meer – wirtschaftlich einfach nicht rentabel, das “Projekt M” wurde eingestellt. (Bildquelle)

Heute wissen wir, dass in allen Ozeanen zusammen etwa 20 Millionen Tonnen Gold zu finden sind. Das ist immer noch eine gewaltige Menge, aber verglichen mit den von Haber und Arrhenius prognostizierten acht Milliarden Tonnen leider doch sehr wenig. Bei ca. 1,338 Milliarden Kubikkilometern Meerwasser wird es vermutlich nie rentabel sein, das glänzende Metall den dunklen Tiefen zu entreißen. Einen Trost gibt es aber: Die wissenschaftlichen Anstrengungen rund ums Gold liegen vielleicht noch in den Anfängen und nehmen irgendwann mit dem Asteroiden-Bergbau deutlich Schwung auf. Aktuell gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass einige dieser Himmelskörper mehr Gold enthalten könnten, als die gesamte Erde zusammen.

Trotz allem hat Habers sechsjähriges Projekt viele Nachweisverfahren verbessert und wertvolle Einsichten in die Zusammensetzung unserer Meere geliefert. Die alliierten Reparationsforderungen zu begleichen und den wirtschaftlichen Fall der Weimarer Republik zu verhindern – das gelang ihm allerdings nicht mehr. So floh Fritz Haber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 nach England. Kurz darauf verstarb der Wissenschaftler an Herzversagen.

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