Der Placebo-Effekt: Heilung durch Erwartung

Am 17. Juni 2020 veröffentlicht von Praveen Thevarajah

„Ich baue jetzt mal auf den Placebo-Effekt. Ich habe Sportsachen an und hoffe, mein Körper denkt, ich mache Sport. Los Kilos, purzelt!“

So einfach funktioniert der Placebo-Effekt leider nicht… Doch kann man allein durch den Glauben an ein Verfahren oder Medikament gesund werden? Und wenn ja, wie? Diesen und weiteren Fragen wird in diesem Artikel auf den Grund gegangen.

Was genau ist überhaupt der Placebo-Effekt?

Lasst uns erst einmal die Definition des Placebo-Effekts festhalten. Placebo bedeutet übersetzt “ich werde gefallen”, was so viel meint wie “ich werde helfen”. Er bezeichnet also eine lindernde oder heilende Wirkung eines wirkstofffreien Medikaments. Placebos sehen aus wie normale Tabletten, bestehen statt eines Wirkstoffs aber meist lediglich aus Füllstoffen wie z.B. Milchzucker und Stärke. Nicht nur Medikamente werden als Placebo verwendet, auch bei Behandlungen – wie z.B. Scheinoperationen – kommt der Effekt zum Einsatz. Doch wie kommt es, dass wir uns trotz keiner Wirkstoffe gesunder fühlen?

Wie funktioniert der Placebo-Effekt?

Die genaue Funktionsweise des Placebo-Effekts wird noch erforscht, es gibt jedoch einige Einflussfaktoren, die den Effekt wirksamer machen. Öffentliche Berichte stellen dabei einen wichtigen Punkt dar. Wenn wir von Forschern oder Personen des öffentlichen Lebens das Verfahren vorgestellt oder auch Empfehlungen von Freunden aufgrund positiver Erfahrungen bekommen, glauben wir an die Wirksamkeit. Allein die Tatsache, dass eine Behandlung stattfindet, lässt uns schon an eine Besserung glauben. Wichtig ist auch, dass der Arzt eine zuversichtliche Haltung dem Verfahren oder Medikament gegenüber zeigt. Das bedingt auch, dass der Patient sich ernst genommen fühlt und vielleicht über die Wirktheorie aufgeklärt wird. Auch persönliche Erfahrungen spielen eine große Rolle. Wenn mir z.B. dreimal Paracetamol gegen Kopfschmerzen geholfen hat und ich dann beim vierten Mal ein Placebo einnehme, was vermeintlich Paracetamol sein soll, wird das wahrscheinlich trotzdem zu einer Besserung der Beschwerden führen.

All diese Faktoren führen dazu, dass eine Besserung erwartet wird und somit Selbstheilungskräfte freigesetzt werden. Das alles setzt natürlich voraus, dass der Patient nicht weiß, dass es sich um ein Placebo-Präparat oder eine Placebo-Behandlung handelt.

Die Größe der Tabletten spielt bei der Wirkung ebenfalls eine Rolle. Viele kleine Tabletten oder auch eine große helfen meist besser als eine Pille normaler Größe. Auch der Preis hat Einfluss. Teure Präparate sollen häufig besser wirken als günstige. Im Schnitt helfen Placebos jedem Zweiten.

Wofür wird der Placebo-Effekt angewendet?

Der Placebo-Effekt wird sowohl als Therapie als auch bei der Forschung verwendet. Bevor er jedoch als Therapie zum Einsatz kommt, muss geklärt werden, dass der Patient nicht an einer lebensbedrohlichen oder behandlungsfähigen Krankheit leidet. Kann das ausgeschlossen werden, kann ein Placebo-Präparat verwendet werden oder eine Placebo-Behandlung erfolgen. Placebos kommen häufig bei psychosomatischen Erkrankungen zum Einsatz. Diese haben also keine körperlichen Ursachen, sondern psychische, wie z.B. Depressionen, Schlafstörungen oder Kopfschmerzen. Placebos werden häufig mit wirksamen Medikamenten kombiniert, um den Effekt zu verstärken. Wenn ein Placebo wirkt, heißt das nicht, dass der Patient sich die Beschwerden eingebildet hat. Durch die positive Erwartungshaltung werden im Körper z.B. schmerzstillende Hormone freigesetzt, was vom Gehirn gesteuert wird.

Für die Entwicklung neuer Medikamente sind Placebos ebenfalls ein wichtiger Bestandteil. Dabei werden Patienten in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhält Präparate mit echtem Wirkstoff und die Vergleichsgruppe erhält die Placebo-Präparate. Ziel ist es, die Wirkung des neuen Medikaments zu testen. Zeigt es eine deutlich bessere Wirkung als das Placebo, gilt das neue Medikament als überlegen. In solchen Studien zeigen jedoch 20 bis 90 Prozent der Patienten Verbesserungen – trotz wirkstofffreier Medikamente.

Welche Menschen sprechen besonders auf Placebos an?

Bei Erwachsenen ist keine Tendenz hinsichtlich des Geschlechts festzustellen. Eine enorme Wirkungsfähigkeit kann allerdings bei Kindern festgestellt werden. Das beste Beispiel ist z.B. wenn ein Kind hinfällt und die Mutter den Schmerz “wegpustet”: Das führt schnell zu einer Schmerzlinderung beim Kind. Aufgrund der starken Wirkung von Placebos bei Kindern haben echte Medikamente Schwierigkeiten zugelassen zu werden, da sie ja eine bessere Wirkung als die Placebos zeigen müssten. Deshalb gibt es z.B. bis heute keine Mittel gegen Migräne bei Kindern, weil sie gegenüber Placebos keinen Vorteil bieten würden.

Was ist der Nocebo-Effekt?

Der Nocebo-Effekt ist das Gegenteil vom Placebo-Effekt. Dabei hat der Patient statt einer positiven Erwartungshaltung eine negative Erwartungshaltung gegenüber einem Medikament oder einer Behandlung. Hat ein Patient mit chronischen Schmerzen zum Beispiel schon zehn Schmerzmittel ausprobiert, wird ihm wahrscheinlich auch das elfte Schmerzmittel nicht helfen. Die negative Erwartungshaltung wird die Wirkung des Schmerzmittels enorm behindern. Ein anderes Beispiel sind Nebenwirkungen, die in der Packungsbeilage aufgeführt werden. Lesen wir oder bekommen wir vom Arzt gesagt, dass das Medikament z.B. Übelkeit verursachen kann, kann das bei vielen Menschen zur tatsächlichen Übelkeit führen, auch wenn es sich um ein Placebo-Präparat handeln würde.

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