Frauen und Technik – passt perfekt zusammen! Ein Erfahrungsbericht (Teil 1).

Am 27. Juli 2020 veröffentlicht von Jekaterina Stael von Holstein

Die Damenwelt traut sich, bedauerlicherweise, immer noch nicht an Berufe, welche typischerweise von Männern ausgeübt werden. Der MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ist davon leider am meisten betroffen. Da ich den Weg einer Ingenieurin bestreite, sah ich im Laufe meines Lebens viele Mädchen, die sich wenig oder gar nicht trauen, Interesse an MINT zu zeigen; Mütter und Väter, die überzeugt sind, dass Frauen nichts mit Technik zu tun haben sollten und Männer, die die Meinung vertreten, „unter sich zu bleiben“ führe zum geschäftlichen Erfolg. Diese Einstellungen führen leider dazu, dass diejenigen, welche ein Interesse oder sogar ein Talent für MINT zeigen, relativ schnell den Mut verlieren oder ihnen, trotz ihrer Bemühungen, unnötig Steine in den beruflichen Weg gelegt werden.

Aber bevor ich zu meinen persönlichen Erfahrungen komme, möchte ich vorab betonen, dass es viele Fördermöglichkeiten für Mädchen im MINT-Bereich gibt und dass in den meisten Fällen das Geschlecht keinen Unterschied macht. Viel mehr zählen die Kompetenz und die Neugier, welche die Person zum neuen Wissen vorantreibt.

Wieso bin ich Ingenieurin geworden?

Im ersten Schritt steht immer eine Begebenheit, ein Talent oder ein plötzliches Interesse. In meinem Fall war dies die Mathematik. Das Fach fiel mir in der Schule leichter als meinen Mitschülern, ich verstand Zusammenhänge schneller und der Aufwand war für dieses Fach, trotz guter Noten, sehr gering. Doch mit technischen oder handwerklichen Thematiken konnte ich zuerst nichts anfangen. Mir wurde von meiner Umgebung, von meinen Verwandten, von meinen Freunden und zum Teil sogar von Lehrern gesagt, Technik sei mehr für Jungs, die verstünden dies besser und außerdem bräuchte man dafür Kraft, welche ich in der Jugend definitiv nicht hatte. Warum sollte man also technische Berufe in Betracht ziehen, wenn vor allem die Erwachsenen mit mehr Erfahrung diese mir ausreden wollen?

Katja beim Clausthaler Zentrum für Materialtechnik

Am Gymnasium, welches bei mir in Niedersachsen damals, nach der Orientierungsstufe, in der 7. Klasse startete, waren die Lehrer in allen Fächern gleich fordernd – niemand sagte mir, ich könnte etwas nicht, es wurde eher verlangt, dass ich alle Fächer zu können habe. Es wurde allerdings nicht nur gefordert, sondern auch gefördert. Zurückblickend muß ich sagen, ich hatte viele tolle und engagierte Lehrer, vor allem im MINT-Bereich.

Allerdings kam das große Interesse erst durch ein Projekt an unserer Schule – SIMONE (Sun- and Ionosphere Monitoring Network), bei welchem die Sonnenaktivität mit Hilfe von Längswellen, welche über die Erde dank der Ionosphäre übertragen wurden, beobachtet wird. Die Leiterin war eine Physiklehrerin, die bereits in Rente gegangen war, aber immer noch engagiert am Schulleben teilnahm. Anfangs mit 6 Schülern, wickelten wir eine Antenne, welche essenziell wichtig für unsere Messungen war – meine erste technische Erfahrung, denn wir haben zuvor die Abmessungen der Antenne und die nötige Kabellänge selbst errechnet. Die Dame hat zum Schluss nur noch uns drei Schülerinnen betreut und wir waren die einzige reine Frauengruppe in diesem Projekt deutschlandweit, was wir bei vielen Tagungen und Kommunikationen festgestellt haben. Sie brachte uns viel über die Physik bei, sie lehrte uns Fachartikel und technische Arbeiten zu lesen und erzählte uns von ihren Erfahrungen in der Schule, im Studium und im Berufsleben. Es wurde deutlich, dass es Frauen früher schwieriger hatten, sich überhaupt durchzusetzen, vor allem in der Technik, denn ihnen wurde wenig Verantwortung und technisches Denken zugetraut. Aber die Quintessenz, welche sie uns beibrachte, war, dass mit Wissen, Durchsetzungskraft und etwas Geduld alles zu schaffen sei.

So wählte ich in der Oberstufe Mathematik und Physik als Leistungskurse und trotz des geringen Verhältnisses Mädchen-Jungs in diesen Kursen, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war, denn von allen Kursen fielen mir diese Fächer am leichtesten und das trotz der vielen Hausaufgaben.

Auf der IdeenExpo 2009 habe ich gesehen, wie viele Berufsbilder zu den Fächern „Mathe und Physik“ es eigentlich gibt. Da wusste ich – ich werde Ingenieurin. Und alle, die ich auf der Expo getroffen habe, haben mich in dieser Idee unterstützt. Es tat sehr gut, so viel Zuspruch zu bekommen.

Mit dem Schnupperstudium für Mädchen an der TU Clausthal kam neue Inspiration. Das Gleichstellungsbüro der TU Clausthal veranstaltet alle zwei Jahre eine Woche lang nur für Mädchen Lehrveranstaltungen und Kennenlernen mit Tutoren, Dozenten und Studenten verschiedener Institute, um diese für das Studium im MINT-Bereich zu begeistern und verschiedene mögliche Studien sowie Berufsbilder aufzuzeigen. Und dies alles für sehr kleines Geld, um Mädchen im MINT-Bereich zu fördern und sie in ihren Träumen und Ideen zu bestärken. Nicht alle aus dem Jahr des Schnupperstudiums sind an die TU Clausthal gegangen, einige haben sich auch für einen ganz anderen Weg entschieden und entfalteten sich im musischen oder im linguistischen Bereich.

Nachdem ich mich bereits für ein technisches Studium interessiert hatte und mich für den Studiengang Energietechnologien entschieden hatte, ging ich an die TU Clausthal. Dort war die Lernatmosphäre sehr angenehm und ich fühlte mich als Frau besonders geschützt vor Entmutigung im Studium, denn ich hätte mich immer an das Gleichstellungbüro wenden können.

Soweit ist es allerdings nie gekommen, es gab ja auch nie einen Grund dafür. Im Studium erlebte ich niemals eine unterschiedliche Behandlung zwischen Männern und Frauen. Im realen Studentenleben besteht das Ziel darin, die Prüfungen möglichst gut zu bestehen und, wenn wir ehrlich sind, in manchen Fächern die Prüfung überhaupt zu bestehen. So lernten wir allein oder in Lerngruppen zusammen und in der Prüfung ging es darum, das Wissen möglichst gut anzuwenden. Das Bewertungssystem ist neutral gehalten und vor allem bei schriftlichen Prüfungen wird bei der Korrektur nicht auf den Namen, Geschlecht oder Herkunft geachtet, allein schon deswegen, weil der Aufwand hierfür zu groß wäre. Es ging einzig und allein um die Ergebnisse. In Studentenkreisen kann es schon heißen – ich bin nur eine Nummer (es wird hier Bezug auf die eigene, einzigartige Immatrikulationsnummer des Studierenden an der Universität genommen). Die Anonymität hilft deswegen auch, viele Vorurteile zu überwinden. Bei mündlichen Prüfungen oder während der Sprechzeiten wurde man allerdings ebenso wenig anders behandelt aufgrund des Geschlechtes.

An jedem Institut gibt es Doktorandinnen, die auch zum Teil Übungen oder auch Vorlesungen halten. Eins fiel jedoch auf – in meinem Studiengang Energietechnologien und Energiesystemtechnik gab es nur eine einzige Dozentin in dem Fach der technischen Thermodynamik. Und als ich anfing, war auch der Frauenanteil mit etwas mehr als 20 Prozent sehr gering. Heute sieht die Verteilung zwischen Männern und Frauen an der Uni deutlich besser aus, auch weil sich viel mehr Frauen und Mädchen trauen in MINT-Bereichen Karriere zu machen. Aus eigener Erfahrung: die Kommilitonen und Lehrenden freuen sich nur über den steigenden Frauenanteil.

Und nachdem ich endlich nach Jahren des Studiums mein Masterzeugnis in den Händen hielt, ging es für mich relativ zügig in die Arbeitswelt. Wie es mir hier ergeht, lest ihr im zweiten Teil meines Erfahrungsberichtes.

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