„Wir zeigen jungen Mädchen und Frauen, dass es für sie möglich ist, bis zum Höchsten vorzustoßen“

Am 7. März 2022 veröffentlicht von

Heute haben wir für euch jemand ganz Besonderes im Interview: Suzanna Randall 😍

Sie will die erste deutsche Astronautin werden. Nach ihrem Studium der Astronomie in London, promovierte sie in Astrophysik an der Universität Montreal in Kanada. Bisher lebte und arbeitete sie auf drei verschiedenen Kontinenten. Zurzeit arbeitet sie als Forscherin bei der European Southern Observatory (ESO) in Garching bei München und für das ALMA Teleskop Projekt in Chile. Zudem moderiert sie auf dem ZDF YouTube-Kanal „TerraX Lesch & Co“ populärwissenschaftliche Themen, hat ihren eigenen Podcast „Kosmos Musik“ bei BR Klassik und ist gefragte Speakerin.

Frau Randall, Sie haben sich bei der Initiative „Die Astronautin“ gegen mehrere Hundert Bewerberinnen durchgesetzt. Was war Ihre Motivation, an dem Programm teilzunehmen?
Suzanna Randall: Ich wollte schon immer Astronautin werden, das war ein absoluter Kindheitstraum von mir. Dass die Initiative bewusst ein Role Model kreieren möchte, machte die Bewerbung dann noch attraktiver für mich. Mit unseren Taten, also dass wir, meine Kollegin Insa Thiele-Eich und ich, als erste deutsche Frauen ins Weltall fliegen, zeigen wir jungen Mädchen und Frauen, dass es auch in den noch immer männerdominierten Domänen wie der Raumfahrt aber auch in anderen MINT-Bereichen möglich für sie ist, erfolgreich zu sein – und symbolisch bis zum Höchsten vorzustoßen, dem Weltall.

Wie sieht das Ausbildungsprogramm bisher aus? Welche Trainingseinheiten müssen Sie absolvieren?
Suzanna Randall: Das sogenannte Basistraining haben wir bereits abgeschlossen. Dazu gehören unter anderem ein Survival-Training in einer Höhle, bei dem wir uns fünf Tage lang unter der Erde abgeschnitten von der Außenwelt bei Kälte und Dunkelheit organisieren mussten, der Erwerb eines Flugscheins, die Simulation einer Mondmission mit Raumanzügen unter Wasser, die Simulation eines Raketenstarts in einer Zentrifuge und das Erleben von Schwerelosigkeit anhand von Parabelflügen. Das ist für mich übrigens das beste Gefühl überhaupt: Schwerelos zu schweben. Jetzt steht das missionsspezifische Training an.

Sie sind Astrophysikerin und arbeiten an der Europäischen Südsternwarte in München. Haben Sie sich schon immer zu den Sternen hingezogen gefühlt?
Suzanna Randall: Ehrlicherweise kann ich nicht erklären, woher das kam. In meiner Familie und in meinem Umfeld interessierte sich niemand für Naturwissenschaft. Schon als kleines Kind fand ich den Mond und die Sterne faszinierend. Als ich etwas älter wurde, entdeckte ich Sally Ride, die Anfang der 1980er-Jahre die erste US-amerikanische Raumfahrerin wurde, für mich. Ab diesem Zeitpunkt, ich war wohl sieben oder acht Jahre, war sie mein großes Vorbild. Mir war klar: Ich wollte Astronautin werden. Später habe ich dann Astrophysik studiert und beobachte nun das Weltall schonmal von der Erde aus.

Ist Ihnen im Alltag und während des Ausbildungsprogramms bewusst, dass Sie als erste deutsche Astronautin Geschichte schreiben könnten?
Suzanna Randall: Im Vorfeld haben wir uns im Team viele Gedanken dazu gemacht, auch zu den Fragen, wie wir nach außen wirken und was wir transportieren wollen. Insofern ist uns die Tragweite des Projektes durchaus bewusst. Sollte es klappen – noch ist die Finanzierung nicht in trockenen Tüchern –, sind wir so etwas wie ein Leuchtturm. Wir wollen den Anspruch, Role Model zu sein, auch liefern können. Natürlich entsteht dadurch auch ein gewisser Druck. Aber meine Begeisterung für Naturwissenschaft ist ja vorhanden, ich muss hier nichts vorspielen. Deshalb kann ich voller Überzeugung sagen: Schaut es euch an, es ist wirklich spannend. Wenn ich Mädchen für Naturwissenschaft begeistern kann, ist das super. Das positive Feedback von jungen Frauen zeigt mir: Die Anstrengung und die Energie, die wir in dieses Projekt investieren, lohnen sich.

Wurden und werden Sie als Astrophysikerin in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen als Ihre männlichen Kollegen?
Suzanna Randall: Innerhalb der Wissenschaftscommunity habe ich keine direkte Diskriminierung erfahren. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist jedoch deutlich anders. Eine Frau in der Astrophysik wird offenbar noch immer als exotisch eingeordnet. Beispielweise ist die Frage „Was sagt denn dein Freund dazu?“ nicht selten. Männer werden diese Art von Fragen nicht gestellt. Was die Akzeptanz von Frauen in solchen Domänen angeht, ist gesellschaftlich noch ein weiter Weg zu gehen. Einen Beitrag hierzu leistet unser Projekt.

Haben Sie die Hoffnung, dass Ihr Einsatz zahlreiche junge Frauen und Mädchen inspirieren und sie darin bestärken kann, einen naturwissenschaftlichen oder technischen Weg einzuschlagen?
Suzanna Randall: Ich denke, dass das bereits geschieht. Selbst wenn wir aus Gründen der Finanzierung letztlich nicht ins Weltall fliegen sollten, haben wir dennoch bereits viel erreicht. Wöchentlich erhalte ich Rückmeldungen von Müttern, deren Töchter von dem Projekt begeistert sind, oder von den Mädchen selbst, die schreiben, wie sehr sie das Projekt beflügelt und in ihrem Interesse bestätigt. Diese Art von Feedback zu erhalten ist wunderbar. Ich sehe das als Privileg meiner Arbeit an.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass die MINT-Fächer nicht nur von Männern repräsentiert werden?
Suzanna Randall: In vielerlei Hinsicht besteht hier eine Wichtigkeit. So müssen etwa in bestimmten Studien, vor allem auch in medizinischen, weibliche Probanden Berücksichtigung finden, denn die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenkörpern sind vorhanden. Ergebnisse, die aber nur auf männlichen Probanden beruhen, haben für Frauen eine eingeschränkte Aussagekraft. Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist, dass diese Berufe mit gesellschaftlichem Ansehen einhergehen. Die sogenannten „Männerberufe“ sind oft anerkannter und werden besser vergütet. Darüber hinaus, denke ich, dass in den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen zukünftig sehr viel passieren wird. Je früher sich junge Frauen hier positionieren, desto weniger besteht die Gefahr, den Anschluss auch langfristig zu verpassen bzw. diese Bereiche als männlich geprägte festzuschreiben. Und Männer zu bevorzugen ist ein „Luxus“, den wir uns als Gesellschaft nicht leisten können: Denn letztlich geht es darum, die besten Menschen für eine Position zu finden – egal welchen Geschlechts.

Stichwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Kategorisiert in: